Otscho und die Aktion Libero

Es werden allerdings sehr leichtfertig Beleidigungen gerufen, die vielleicht nicht beleidigend gemeint sind – aber so ankommen. Ich glaube, dass der Großteil der Fans in diesem Punkt unreflektiert oder auch unsicher ist, sich gar keine Gedanken darüber macht. Ich habe zumindest die Hoffnung, dass dahinter bei den meisten Fans gar keine wirkliche Intoleranz steckt, sondern dass viele Menschen damit eben nur sehr lax umgehen. Man ruft einfach „schwule Sau“ oder Ähnliches, ohne sich Gedanken zu machen. Weil andere es eben auch rufen. [Link]

31.03.1993, Olympiastadion Berlin. Zum ersten Mal betrat ich als unerfahrener Jüngling ein Fußballstadion, das man als solches auch bezeichnen kann. Es spielten die Hertha-Amateure gegen den Chemnitzer FC im Halbfinale des DFB-Pokals, eine großartige Sensation, über fünfzigtausend Menschen, sicher eine gute Kulisse für den Einstieg in ein Leben mit dem Phänomen „Fußball“.

An das Spiel selbst kann ich mich leider nicht mehr erinnern, es war ein 2:1 Sieg für die Amateure, Wikipedia half meiner Erinnerung auf die Sprünge. Erinnern kann ich mich aber immer noch viel zu deutlich an die Affenlaute, mit denen ein afrikanischer Spieler des Chemnitzer FC im ausverkauften Olympiastadion begrüßt wurde, an dieses dumpfe Gefühl in der Magengegend, das mit dieser Erinnerung verbunden ist. Das dumpfe Gefühl des Unverständnisses und der aufsteigenden Wut gegenüber der Ablehnung eines Menschen, der als anders wahrgenommen und deshalb von einer viel zu deutlich hörbaren Masse ausgegrenzt wurde, das Gefühl, das hier etwas verdammt schief lief. Ich nehme an, der Spieler war Ojokojo Torunarigha aus Nigeria, der 1995 in einem Interview sagte, Beschimpfungen wie „Bananenfresser! Buschmann! Negerschwein!“ gehörten zum Fußball.

Von einem Fußballspiel, das sicher auch ein besonderes Erlebnis war, bleibt mir ein tiefes Grollen im Gedächtnis, das verdammt schlechte Gefühl, das Alltagsrassismus, die kleinen und großen Ausgrenzungen auch vor Fußballstadien keinen Halt machen.

Rassismus, Ungleichbehandlung, Homophobie, die Angst, anders zu sein, als andere. Das sind Dinge, die keinen Platz in unserer Gesellschaft eingeräumt bekommen dürfen, Dinge, über die man nachdenken, reden, schreiben soll und das möglichst nicht im stillen Kämmerlein, nein, am besten ganz laut, hier, dort und überall.

Wir alle sollten ein bisschen besser aufpassen – auf unsere Worte, unser Denken, unsere Taten: Die Freiheit jedes Einzelnen ist immer auch die eigene Freiheit.

Die Aktion Libero – Sportblogs gegen Homophobie im Fußball schweigt nicht und ist deshalb unbedingt unterstützenswert.