Haltestellenkino

Natürlich muss sie sich beeilen, morgens, so kurz nach sechs, bleibt nicht mehr viel Zeit, das Büro wartet, der Rechner will hochgefahren werden, das Mailprogramm, die Mails vom Chef und vom Chefchef und von den Mitarbeitern und den Kumpels und den Freunden bei facebook, die doch gar keine Kumpel sind, denn das Internet ist nicht real. Also beeilt sie sich und stürzt die Treppe hinab, fast hätte sie sich das Genick gebrochen und dann wäre die Welt untergegangen – stellt euch das doch mal vor – denn niemand hätte ihren Rechner hochgefahren und die Mails gelesen, tonnenweise Mails, Milliarden wichtiger Mails, alles ASAP zu erledigen und dann auch noch diese anderen wichtigen Sachen, Terminsachen, alles schnellstens und sofortigstens zu erledigen

– aber vielleicht ist das hier auch nur eine Schreibübung.

Also rennt sie die Treppe herunter, als sei ihr der Ziegenfüßige höchstselbst auf den Fersen, schwingt im Nordicwalkingschritt mit ihren diesen ergonomisch geformten Rundsohlenschuhen, die eine tolle Hüfte machen und einen tollen Po und beim Abnehmen, Abnehmen, Abnehmen helfen sollen, neben allerlei effektiven und effektvollen Diäten – sieht man bloß nicht – aber eigentlich hat sie ja sowieso niemals nie Zeit für anständiges Essen, siehe oben. Sie schwingt also, rennt in den Supermarkt, der 24/7/7 offen hat, weiß doch jeder, was das bedeutet, und dann rennt sie durch die Reihen, greift sich Butter, Brötchen, Biomilch und rennt zur Kasse und dann, ja dann, dann sagt diese blöde Kuh von Kassiererin, das muss man sich einmal vorstellen, morgens, kurz nach sechs, kurz nachdem sie sich den Titel „Mayor of S-Bahnhof Friedrichstraße“ zurück erobert hatte, dann sagt diese Kassiererin also: Hier bitte nicht mehr anstellen.

Was?

Und rennt weiter.

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