Das Leben ist hart, nur sind wir Hertha?

Berlin ist, wenn morgens ein ordentlich abgeranzter und abgefüllter Typ mit Bierbüchse und blutiger Nase aus der S-Bahn steigt, sein Blut auf den Boden rotzt, sich das Gesicht mit dem T-Shirt abwischt, um dann in aller Seelenruhe in die nächste Bahn zu torkeln. In dieser Bahn sitzen wir, also Gestalten, denen die Verwirrung des Brückentages und des Mai-Feiertages, den wir alle zu mindestens 99 Prozent friedlich verbrachten, ins Gesicht geschrieben steht. Und die Sonne, die für rote Gesichter sorgt.

Der Typ torkelt also in die Bahn und niemand nimmt davon wirklich Notiz, außer dem einen Typen, der gleich hinter ihm einsteigt, Anzug, Schlips, Kragen, Tasche mit Notebook über der Schulter, die man aber gar nicht erwähnen müsste, denn digitale Gerätschaften sind Alltag, nicht-polyphone Klingeltöne aus einen stinknormalen Nicht-Smartphone, also einem echten Handy, dagegen schon. Der Anzugträger ekelt sich. Trotzdem: Keine Polizei. Irgendwann wird der Blutige-Nase-Mann doch von einigen ganz schön schief angeschaut, dann steigt er aus und vielleicht singt er jetzt das Ding von Peter Fox, Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, dreckig und grau und so weiter.

Schwarz zu blau.

Blau und weiß. Also Hertha. Mir wurde überliefert, mein Opa mütterlicherseits sei ein großer Hertha-Fan gewesen, was mir nicht ganz einleuchtet, aufgrund der Familiengeschichte, geprägt von Weltkrieg, Mauerbau und kaltem Krieg, eine familieninterne Union vs. BFC – Feindschaft hätte mich eher überzeugt. Allerdings kenne ich meinen Opa mütterlicherseits leider gar nicht, nur Fotos, Überlieferungen, Kriegstagebuch, ich kenne dafür meinen Ersatz-Opa, der auch sehr toll war und Feuerwehrmann, aber mit Fußball nichts am Hut hatte. Wäre mein Opa mütterlicherseits also wirklich ein großer Hertha-Fan gewesen, er würde sich seit ein paar Wochen wohl im Grab umdrehen, wahre Frust-Pirouetten drehen, mal wieder.

Denn während man zum Beispiel in Freiburg oder Augsburg, vielleicht auch ein bisschen in Hamburg, während man also in den Burg-Städten miterleben kann, dass man dort ganz offensichtlich Bock auf erste Liga hat, sucht man diesen und verschiedenste andere Böcke im Olympiastadion und überall dort, wo Hertha drauf steht, vergebens. (Nur Sündeböcke findet man en gros.) Kind2 zum Beispiel fragte mich, ob diese Raffaels, Ramosse und wie sie nicht alle bejubelt werden wollen, eigentlich gar nicht hier in Berlin spielen wollen, sondern ganz woanders. In Paderborn vielleicht? Und dabei hat Kind2 diesem Raffael und seinem kleinen Bruder im letzten Jahr noch ganz ehrfürchtig die Hand geschüttelt.

Und auch wenn man emotional gar kein Hertha-Fan oder Anhänger oder Supporter oder Wasauchimmer ist, so ist man doch als ein in dieser Stadt lebender eben Berliner und als solcher auch ein wenig an Hertha interessiert, wenn man nicht gerade ausschließlich unionaffin ist oder meinetwegen auch BFCer oder Tebe oder Reinickendorfer Füchse oderoderoder, so muss man sich doch, wenn es um großmäuligen Erstligafußball geht, schon an diesem Verein wenden und ist dann, am Ende einer Saison, die – und da bin ich mir recht sicher, denn der Fußballgott schaut doch ganz genau hin, auch wenn der Trainer Rehagel heißt – zum zweiten Abstieg innerhalb von drei Jahren führen wird, einigermaßen enttäuscht und wundert sich nicht mehr, wenn die eigenen Kinder von Erwachsenen ausgelacht werden, wenn sie an fernen Urlaubsorten im Hertha-Outfit durch die Gegend spazieren.

Peinlich.