Sommer? Sommer.

Natürlich, du stehst morgens auf, rollst langsam die Rollos hoch, die eigentlich gar keine Rollos sind, sondern Rollläden, doch Rollläden schreibt man mit drei kleinen „l“ und das sieht ähnlich verkehrt aus wie Schifffahrt. Nichtsdestotrotz musst du durchs Fenster schauen, dicke Regentropfen statt blendender Sonne ansehen und im Kopf pfeifst du ein Stück von Rudi Carrell. Überall Tropfen am Fenster, kleine, große, dicke, dünne, Tropfenspritzer und langgezogene Tropfenstraßen und auf den Wegen Pfützen, so groß wie die Müritz.

Bereits im letzten Jahr bepacktest du deinen Wagen, die langweilige Familienausführung ohne chi-chi (allerdings auch ohne Pferd), und dabei regnete es in Strömen, wie im Regenwald fühltest du dich, nur kälter, frierend packtest du auch noch ein paar Packungen Kaminholzanzünder ein, denn es zog dich in den Norden, den stillen, ewigen Norden, mit seiner kühlen Ostsee, schattigen Stränden und niedlichen kleinen Strandhäusern, irgendwo weit hinter Flensburg. Aber das war im letzten Jahr.

In diesem Jahr ist alles anders. Später. Jetzt noch nicht, denn jetzt hast du noch Tropfen vor den Augen und nasse Socken vom Waten in müritzgleichen Pfützen. Du bepackst dein Auto im Regen, wie im letzten Jahr, die fühlst dich wie im Regenwald, nur kälter, wie im letzten Jahr, doch den Kaminholzanzünder lässt du in diesem Jahr weg, denn es zieht dich in den Süden, den heißen, aufgewühlten Süden, mit seinem Mittelmeer, langgezogenen Stränden in sengender Sonne und niedlichen kleinen Strandhäusern, blau und weiß, irgendwo weit hinter dem Brennerpass. Oder dem Balkan.

Und dann liegst du da, am ausgewählten Schattenplatz, beobachtest mit müden Augen deine Kinder, wie sie dieses tun oder jenes, ab und zu begibst du dich zu dem angenehm netten Fachpersonal der Strandbar deines Vertrauens, mehrerer Sprachen mächtig, deckst dich mit Kaltgetränken ein und lauschst den Gesprächen am Tresen, sofern du einer der Sprachen verstehst, vielleicht nur ein paar Brocken, ab und zu wirfst du einen Blick in dieses Buch, das du mitgenommen hast, weil es als Spiegel-Bestseller angepriesen wurde. Zu Recht. Legst die Beine hoch und nicht ins Gras, das hier sowieso nur wächst, wenn es täglich zwei Mal gewässert wird.

Und dann diese kreative Langeweile, erst ein leichtes Gähnen, dann in die Ferne starren, so dass dir später, in deiner gewohnten Umgebung, alles so unklar, ganz undeutlich erscheint, diese Gedanken fernab von allem, was man auch Alltag nennen könnte und dem sich die einen oder anderen Zeitgenossen in der Hotellobby widmen, die Welt, die überall ist, facebook. Und so. Nicht ganz unverständlich, aber vermeidbar. Mit gut gekühltem Ouzo und den Füßen im Wasser.

Dem Meer, den Steinen, der Sonne ist das alles natürlich egal, ihnen ist es Wurst (und Käse), ob hier Hochzeiten mit eintausend Gästen gefeiert werden und man bis zum Morgengrauen tanzt, ein Morgengrauen, das eher ein Morgenleuchten ist, ob hier langweilige Deutsche im Schatten herumliegen und dilettantisch vor sich hin hobbyphilosophieren, ob da draußen, in der großen weiten Welt, Länder, den man nicht ansieht, dass sie wirtschaftlich krank sein sollen, in den Schatten von Rettungsschirmen gestellt, an Geldhähne angeschlossen werden, an denen wenig witzige (oder vielleicht wahnwitzige) Politiker (und so) herumdrehen können, wie es ihnen beliebt, ihnen ist es egal.

Sonne, Steine, Meer, sie werden hier immer noch sein, wenn wir schon längst weg sind, schwitzend und womöglich ein wenig erholt in den Flieger gestiegen sind, einen letzten wehmütigen Blick geworfen, vielleicht noch einmal gewunken haben und die ganz mutigen klatschen sogar, wenn ein Flugzeug wohlbehalten gelandet ist. Das ist schräg.