Haltestellenkino

In der Bahn sitzen und Dembowski lesen, um des reinen Lesens willen. Seit Jahren mit der Bahn fahren, Ewigkeiten, das ist doch was, in dieser Stadt, in der wenig ewig ist, ein ständiges Kommen und Gehen, wie die Bahn fährt. Wenn sie fährt. Hätte ich meine Welt nicht, könnte ich eure nicht ertragen, denken alle, die hier sitzen, sofern sie zu den Unauffälligen gehören, den Auffälligen ist sowieso alles egal. Jeder ist hier seine eigene Parallelgesellschaft, ob schwarz, weiß, Tourist, Zugereister, Einheimischer, wobei einheimisch nicht auch zugereist oder sogar Tourist heißen kann, wer weiß das schon?

Wobei ich einwerfen muss, dass ich dieses „Berlin an der Landsberger Allee“ wie meine Westentasche kenne und deshalb auf eine Tätowiertenquote deutlich unterhalb der 50 Prozent und auch den mehrheitlich richtigen Gebrauch deutscher Grammatik bestehen muss, wobei mein Eindruck der gleichen vorurteilbehafteten Empirie entspringt, wie der aller anderen. Jeder lebt in seinen Vorurteilen.

Am Alex steigen zwei Männer ein und verbreiten einen unangenehmen Geruch, eine Mischung aus Wodka durchtränktem Atem und seit Monaten nicht mehr gewaschenen Jeans, der eine fängt an zu reden und dem unfreiwilligen Zuhörer schnürt sich augenblicklich die Kehle zu, nicht nur wegen des alten, muffigen und unangenehmen Geruchs, auch wegen der von Alkohol und Zigaretten völlig zerfressenen Stimme, grobes Schmirgelpapier erscheint dagegen glatt (wie ein Babypopo). Aber du erträgst das alles, hast dich zurück gezogen in dein Welt, schaust aus dem Fenster, siehst den Baumarkt am Ostbahnhof, die Baustelle an der Warschauer Straße (und denkst „Haha, eine Baustelle, wie überraschend!“), die Baustelle am Ostkreuz (wird noch Jahre zu sehen sein) und stellst Nöldnerplatz fest, dass die Trinkbrüder mit osteuropäischem Zungenschlag ausgestiegen sind und nun eine Dame mittleren Alters (was auch immer das sein mag) vor dir sitzt und „50 shades of grey“ liest  (was auch immer das bedeuten mag), von dem du schon viel hörtest, was dich wiederum nicht interessierte.

Früher war mehr Bukowski. Und natürlich Benn. Heute aber lächelst du über den häufigen Gebrauch des „Regens von Castamere“ an den richtigen Stellen, in einer Geschichte, die eben nur das ist: Eine Geschichte. Die Laune eines Schriftsteller, zweifelsohne auch angetrieben vom Erfolg, letztlich aber nur eine Laune, ein geistiges Hirngespinst, eine Parallelwelt, die dir willkommen ist, um Bahnfahrten durch die Stadt ertragen zu können.

Und: Zum Glück gibt es noch Blogs.

[Bloggen wie früher.]