War was? – VII

Die dicke Frau im Supermarkt, diese unglaublich dicke Frau im Supermarkt, die allerdings nicht wegen ihres stark an der Erdanziehungskraft leidenden Fettpolsters am Bauch, das fast bis zu den Knien herab hing, auffiel, sondern vor allem wegen ihrer fehlenden Zähne, der unglaublich unglaublichen Frisur, die eigentlich gar keine Frisur war, sondern vielmehr ein Krähennest aus mausgrauem Stroh, und vor allem wegen – und jetzt kommt es – der Aufschrift  auf ihrem abgetragenen T-Shirt, das sie über ihrem Leib trug, auffiel: Todesstrafe für Kinderschänder. Es war gar nicht die Fülle der Frau, die mich (und andere) abschreckte, ihr Erscheinungsbild, wie sie mit ihrer Tochter sprach, die fast wie ein Kopie von ihr aussah, nur ein wenig jünger, körperlich noch nicht ganz so kaputt und mit blond gefärbtem Haar und violetten Strähnchen, es war dieses T-Shirt, mit dieser Aufschrift, die mich abschreckte, und der Gedanke, dass es Menschen mit diesem Gedankengut sind, die hier tatsächlich noch wählen gehen, während der Rest in Politikerverdrossenheit versumpft und das Feld Menschen wie dieser Frau überlässt.

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Unheimliche Amazon-Empfehlungen. Man schaut sich einen Gegenstand im digitalen Kaufhaus an, von dem man meint, man können ihn gebrauchen, meinetwegen sucht man nach einer Pfanne, weil die, die man zuletzt bei Ikea kaufte, zuerst ihre Beschichtung und dann auch noch ihren Griff verlor, man sucht also nach allen mögliche Pfannen, gusseiserne Pfannen, Pfannen aus Edelstahl, Pfannen mit Teflon oder Keramik beschichtet und wenn man in das Bewertungsuniversum eintaucht, kommt man zu dem Schluss, dass hier dunkle Magie am Werke sein muss oder höhere Wissenschaften, dass man ein Studium der Pfannenkunde abgeschlossen haben muss, um das richtige Modell auswählen zu können und weil der Bewertungs- und Besserwisserdschungel so undurchdringbar erscheint, geht man dann eben doch wieder zu Ikea, kauft sich das bekannte Modell, von dem man weiß, dass es funktioniert und in spätestens zwei Jahren ersetzt werden muss, weil Beschichtung und Griff flöten gehen werden. Und man weiß, dass man genau so lange von Amazon mit Werbung für Pfannen aller Art behelligt wird, denn woher sollen die auch wissen, wie man wirklich tickt?

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Ich lese seit Jahren nur noch Tageszeitungen, wenn ich sie geschenkt bekomme und da ich mich nur an höchstens drölf von dreihundertfünfundsechzig Tagen mit einem Flugzeug durch die Gegend bewege, ist das sehr selten. Eine Tageszeitung gekauft habe ich zuletzt vor zwei Jahren, vielleicht war ich ein wenig verzweifelt und wollte zur Beruhigung bedrucktes Papier in der Hand halten, vielleicht wollte ich nur noch einmal überprüfen, ob mir die Haptik nicht doch besser gefiele, als das ständige Herumgewische auf Telefonen oder so. Es fühlte sich allerdings nicht mehr gut an. Dass ein Großteil der Verlage für mein Empfinden Google die Schuld gibt, finde ich persönlich ungerecht. Das Konzept Tageszeitung ist für mich einfach nicht mehr attraktiv. Wobei das gar nicht stimmt. Ich bin ein Informationsjunkie und wer, wenn nicht gut und professionell produzierte Informationsprodukte, die regelmäßig erscheinen, sollte meinen Informationshunger erfolgreich stillen können? Doch das sind inzwischen viel mehr Blogs, die mich mit Beiträgen und Links zu Beiträgen versorgen, und Twitter, das ja nicht nur Joke- und Kurzmitteilungsabsonderungsportal, sondern auch wertvoller Linkverteiler ist. In dieser Fülle und auch Qualität kann kaum eines der Verlagsprodukte informieren, hier lernt man ja gerade erst einmal, Hinweise auf andere Seiten im Netz in Beiträgen zu verlinken. Nein, Google ist nicht Schuld am Dilemma der Tageszeitungen, sie sind es zum großen Teil selbst und ein Leistungsschutzrecht wird das auf jeden Fall nicht ändern.