Auf der Suche nach totem Holz

Es war einer dieser seltenen erkenntnisreichen Tage. Morgens, nach dem Aufstehen, ist dir das selbstverständlich nicht bewusst, besoffen vom Schlaf stolperst du ins Bad, Zähne putzen, rasieren, Haare kämmen und betroffen auf deine Augenringe schauen, gedankenlos und schlaftrunken, bis du später ins Freie trittst und die eiskalte, klare Luft dieses Wintertages dir hart ins Gesicht schlägt, dir den Atem nimmt und du froh bist, dass du diese gottverdammten Handschuhe eingepackt hast, die sie dir im letzten Jahr aufgezwungen hatte, obwohl du sie gar nicht wolltest.

Und natürlich hast du gar keine Ahnung, warum du gerade heute so unruhig und getrieben durch die Gegend stürmst, mit langen Schritten, so komisch angestachelt, denn immerhin ist Schlafmangel derzeit dein bester Freund und den halben Tag dieses kleine, durchaus liebenswürdige, aber furchtbar anstrengende Kind durch die Gegend zu buckeln, findet dein krummer, alter Rücken inszwischen auch eher zum Kotzen, und doch treibt dich etwas hinaus in die Kälte, die graue Stadt, direkt in den alten Buchladen in der Reinhardtstraße, der mit den lesenswerten Mängelexemplaren, dem Ohrensessel in der Ecke und dem Blues, der aus den Boxen dröhnt.

Seit fünf unglaublichen Monaten arbeitest du dich jetzt schon an diesem grausam fesselnden “Lied von Eis und Feuer” ab und manchmal kommt es dir vor wie ein schlimmer Verkehrsunfall, an dem du zufällig vorbei fährst und der offensichtlich grausam ist, denn der Leichenwagen steht schon bereit und trotzdem kannst du nicht wegschauen. Durch Zufall hast du dir dieses Ding angelacht, im letzten Sommer, als es noch warm war und du nichtsahnend auf der Terrasse saßest und ein warmer Wind um deine Nase wehte und du mit diesem Spruch “Der Winter naht.” überhaupt nichts anfangen konntest. Hast dir den ersten Band gekauft, super, dachtest du, Spiegel-Bestseller, Vorlage für “Game of Thrones”, ja, ja, irgendwas mit Mittelalter, Fantasie, Ritter und Drachen, Drachen, hast du irgendwo gelesen, ja, ja, Drachen und du liebst doch diese Geschichten und vor allen Dingen Drachen und du hast zugeschlagen, ganz naiv, Amazon gestartet, einmal geklickt und *rumms* lag das dicke Ding in deiner Paketbox und jetzt, ja, was jetzt? Jetzt bist du am Ende. Und leer.

Fünf Monate später und du hast alles gesehen: Brennende Schlösser, aufgefressene Rösser, Intrigen, Morde, Könige, die sich Huren halten, Huren, die sich Könige halten, Riesen, Zwerge, Zombies, rollende Köpfe, Blut und Feuer, ungeahnte Wendungen, jede Menge Tote, hunderte Tote, tausende Tote, wenn man nicht nur die namentlich bekannten Charaktere zählt, hunderte (tausende) Vergewaltigungen und natürlich Blut und Blut und am Ende fragst du dich: Wozu? Gibt es in diesen verdammten Büchern überhaupt irgendetwas Gutes? Einen kleinen, klitzekleinen Lichtblick? Etwas, das nicht genau in genau dem Moment, in dem du begonnen hast, es zu mögen, hinterrücks erschlagen wird? Irgendeine Form von Liebe? Freundschaft? Hm?

Nein. Natürlich nicht. Und doch kannst du nicht wegschauen, schlimmer Verkehrsunfall hin, Lied von Eis und Feuer her, du musst weiterlesen. Und natürlich wird es nicht gut ausgehen, nicht in deinem Sinne, vielleicht nicht einmal im Sinne dieses bärtigen Autors, der sich verdammt nochmal viel zu viel Zeit lässt, mit dem nächsten Band, den du jetzt sofort brauchst, nicht irgendwann, den du jetzt lesen musst, denn jetzt ist der Winter da, die Kälte grausam und das vorerst letzte Buch ausgelesen, mit natürlich cliffhangermäßigen offenem Ende und jetzt stehst du in dem alten Buchladen in der Reinhardtstraße, der mit den lesenswerten Mängelexemplaren, dem Ohrensessel in der Ecke und dem Blues, der aus den Boxen dröhnt und du weißt nicht, was du hier sollst, was du jetzt lesen sollst. Verdammt.