Weniger schreiben ist mehr Stille

Ich laufe durch mein Haus, den Kindle in der Hand und lese laut vor. Goethe. Nackt. Ich bin allein. Nur der Hund liegt auf dem Sofa, was er eigentlich nicht sollte, denn seine Pfoten sind sandig und das Fell hält auch nicht mehr, was es verspricht, er verpestet also das Sofa, während er darauf liegt und schläft und schon lange nichts mehr hört, denn er ist 91 Jahre alt. Und eine Hündin.

Die Nachbarin ist auch nackt und sitzt mit ihrem nackten Mann im kalten Pool, immerhin ist es schon Oktober und die Blätter der Haselnusssträucher hinter dem Haus, die weniger Sträucher, als schon vielmehr Bäume sind, haben diese wunderbare gelbe Farbe, die aus dem kleinen, auf der nach Norden ausgerichteten Rückseite des Hauses liegenden, in zartem Lila und kühlem Weiß gehaltenen Schlafzimmer eine wie von der Sonne durchflutete Kathedrale macht. Es ist natürlich kein schöner Anblick, wenn Menschen, die doppelt so alt sind wie man selbst und wahrscheinlich noch niemals in ihrem Leben beste Tage erlebt haben, die längst vergangen hätten sein können, gemeinsam nackt in einem Pool sitzen und, nun ja. Ich möchte akzeptieren können und schaue weg.

Ich lese also laut Goethe vor, Faust. Das ist absolut nicht modern und auch viel Blabla, wenn man es genau bedenkt, sich ein, zwei Mal laut vorliest und in Manier eines Reich-Ranicki kritisiert (Gott habe in selig!), natürlich ist man dann nicht Bildungsbürger, der man zu sein hat, um irgendwie auch eine Aura des Guten um sich zu versammeln, jedoch, es gibt interessantere Literatur. Und nicht alle Bildungsbürger sind automatisch gut. Ich kenne da einen. Und so weiter.

Also lade ich mir also andere Machwerke herunter, das geht ja ganz schnell, den Finger übers unzerstörbare Glas gleiten lassen, die beste kostenloseste Literatur wählen, die es für umme gibt und tippelditip, ist der Stoff da.

Aber eigentlich habe ich gar keine Zeit, Goethe doof zu finden und, sagen wir mal, Boris Beckers aufgedunsenes Gesicht irgendwie dufte, denn eigentlich bin ich einer dieser Serienjunkies, die Game of Thrones, Homeland und Hannibal gleichzeitig schauen, ich kann das nämlich (obwohl ich ein multitaskingunfähiger Mann bin), ich habe Kinder, mit denen muss ich auch etwas unternehmen (Bildungsauftrag!) und mit der Frau natürlich (Liebe, Leiden, wir wissen, wo das endet) und die Arbeit und der Garten und zum Glück ist der Hund schon alt und deswegen ohne Bedürfnisse. Und so weiter.

Da kommt man schon mal außer Puste.