Unter Maulwürfen

Ich kenne gerade mal einen, der monatlich bezahltes Bezahlfernsehen sein eigen nennt, nicht den ganzen Sender, nicht einmal einen Teil davon, eigentlich nur das Recht, ein paar Geräte anzuschalten und sich augenblicklich auf Rasen, traditionsgemäß in saftigem Grün gehalten, beamen zu können, wenn und wann er will. Aber jenen Menschen besuchten wir nicht, sondern Familie.

Man ist in der Familie grundsätzlich fußballaffin, man schaut regelmäßig das, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen in diesem Themenbereich so abliefert und drückt sogar Daumen wenn es passt, wenn es denn passt. Fans findet man hier eher nicht so, man findet auch keinen Sachverstand der spielverlagerten Art, vielleicht sogar nicht mal den Ansatz von Kenntnis verschiedener Positionen auf dem Spielfeld oder der Abseitsregel. Dafür findet man Emotionen und davon nicht zu wenig.

Ein Beispiel: Man diskutiert am Tisch die Personalie Neuer (nein, nicht Götze). Die Diskussion wirkt, als wäre sein Wechsel von Schalke zum FC Bayern gerade erst gestern passiert, es wird Geldgier und Verrat unterstellt, seine wahren, persönlichen Gründe, die wir nun einmal nicht kennen können,  werden nicht einmal in Betracht gezogen. Überhaupt zählt hier mehr die Emotion und nicht das Argument. Die Grundstimmung vor dem Spitzenspiel BVB gegen FC Bayern ist also eher: Verwirre mich nicht mit Tatsachen, meine Meinung steht fest.

Es ist niemand anwesend, der ein legales Fußballerlebnis ermöglichen könnte, jedenfalls kein visuelles, und mein Einwand, man könne sich doch mit dem Stream von Sport1.fm begnügen, wird ignoriert, stattdessen grast man die eindlosen und dunklen Weiten des WWW nach „Alternativen“ ab, klickt massenweise Klickspam beiseite und landet bei einer Liveübertragung, die, dank unregelmäßiger Bild- und Tonausfälle, eine ordentliche Runde Stuhltanz hätte ermöglichen können und mit wunderbarer retromäßiger 8-Bit-Grafik geradezu zu brillieren wusste. Ein Erlebnis.

So wie das Spiel, jedenfalls nach dem Wenigen zu urteilen, das ich davon sehen kann. Ich lasse mich zu Äußerungen hinreißen wie beispielsweise „Der BVB hätte nach der 1. Halbzeit 2:0 führen müssen.“ und stifte Verwirrung mit dem leisen Ausruf „Schon auch irgendwie verdient.“ nach dem 1:0 durch Mario Götze. Bayernfantum wird mir dafür unterstellt, was gar nicht geht, nicht sein kann, denn die, die Bayern, die kann ja jeder mögen, die haben immer Erfolg und das ist auch gar nicht so schwer, denn sie haben schließlich das meiste Geld von allen und wahre Fans des Sports können so einen Verein gar nicht mögen. Man möchte mich steinigen, wäre da nicht der Verwandheitsgrad. Überall plötzlich BVB-Fans. Und so weiter. Oh weh.

Grund genug sich in eine abgedunkelte Ecke zu verziehen und in ein wenig in der eigenen Twitter-Timeline zu versinken, die, wenn die eigenen Filter ordentlich optimiert sind, einem die Tatsachen in die Tasche spült, die der gemeine Hater in seinem Glashäuschen nicht mehr wahrnehmen kann. Und möchte

Amen.