Willst du

Stell dir dein Leben als Videospiel vor, Point-and-Click-Adventure, Monkey Island, Day of Tentacle, Zak MacKracken. Eine verpixelte Zweijährige will ein bisschen tanzen, sie sagt es niedlich, aber bestimmt, per Sprechblase. Sie hüpft auf eine improvisierte Tanzfläche zwischen Küche und Wohnbereich (Couch in Jeansoptik, grässlich), trägt dabei ein Silvesterhütchen, farblich überhaupt nicht zum Hello-Kitty-Kleidchen passend, verlangt lauthals nach Musik. Würdest du ihr „Willst du“ in der animierten Jukebox, dort rechts in der Ecke, anwählen, auf dass sie später in der S-Bahn lauthals singt und zwar „Willst du mit mir Drogen nehmen“ und alle, wirklich alle, euch schief anschauen, irgendwie?

Gestört aber geil. Und weil niemand mehr des interpretierens mächtig ist. Vermutlich.

Berlin, Prenzlau, Neubrandenburg, Stralsund, Bergen, Göhren. Irgendwo hier, an irgendeinem Ende der größten Insel des Universums verstecken sich die Kreidefelsen (abstürzend), Kap Arkona (Leuchtturmidylle) und auch wir (eher so okay), die normalen Normalos aus Berlin, also die mit einem Sack voll Kindern (Namen stehen nicht am Auto) und Hund in einer angenehm kuscheligen weil winzigen Ferienwohnung. Wir verstecken uns vor den Nachwirkungen des Jahres 2013 und zünden eine Million Kerzen an, die in 2014 alles besser werden lassen.

Versprochen.

Der Glühwein an der Strandpromenade ist schlecht, jemand hat ihn mit Kühlflüssigkeit gestreckt oder schlimmerem, es wird einem ganz flausig im Kopf, wahrscheinlich hat man ihn mit Schuss bestellt, Heizöl, Kerosin, Crystal Meth, willst du mit mir Drogen nehmen? Der Wind bläst die Flausen aus dem Kopf, aber der Song, nach dem die Zweijährige am liebsten tanzt, er geht nicht weg, immer wieder schallt es durch den Kopf „Willst du, willst du, willst du.“

Wird man ganz dusselig.

Silvester, Höhenfeuerwerk, Drink in der Bar, Neujahrsspaziergang, Rasender Roland – der Gestank verbrennender Kohle und Dampf, kennen die Kinder doch gar nicht mehr, Abgase stinken doch kaum noch so, wie damals, bei Oma in Adlershof, als das ganze Viertel an kalten Winterabenden tonnenweise Braunkohle verheizte. Brauchte man keine Drogen nehmen. Und der Schnee war grau. Heute gibt es keinen Schnee mehr und keine Kohleöfen und der Edeka ist ausverkauft. Keine Cola, nur noch Wasser, als hätten sich alle vorgenommen, in 2014 nur noch Cola zu trinken, scheiß auf die schlanke Linie und wir gehen gut Essen. Willst du mit mir Scholle essen?

Das ganz private Jahresmeme.

Bergen, Rambin, Rügendamm (Brücke), Neubrandenburg, Prenzlau, ab nach Berlin, der Nachbar hat schon wieder angebaut, my home is my castle, niemand fragt den, ob er mit einem Drogen nehmen möchte, nicht einmal nen Bier spendiert dem einer, der alte Griesgram, steht mit Hut zwischen frisch gestrichenen Balken und raucht seinen stinkigen Zigarillos, weil das billiger ist.

So sind se, die Berliner. Stinkige Zigarillos statt Drogen, doch die Zweijährige tanz immer noch und singt laut in der Bahn – „Willst du mit mir Drogen nehmen“ – und die Leute schauen dumm aus der Wäsche.