Entzaubert

Ein junger Mann stapft auf unsere Bude zu und klingelt brav, wo andere nur klopfen und später behaupten, es wäre niemand da gewesen, als man geklingelt habe. Dieser junge Mann steht also vor unserer Tür, in kurzen Shorts und ein wenig atemlos, ersteres wegen des wunderbaren Frühlingswetters, dem niemand so richtig trauen möchte, weil der Winter immer noch kommen kann (siehe 2013), letzteres weil Klingelputzen eben auch mit Bewegung verbunden ist. Ich darf das sagen, ich habe mal Quelle-Kataloge ausgeteilt, im letzten Jahrtausend.

Der junge, Klingeln putzende Mann, ist mit Zeitungen und Zeitschriften bewaffnet, auf denen irgendwas mit Werbung steht, trägt neben den Shorts an den Beinen ein paar Schweißperlen auf der Stirn und einen Ansatz von freundlichem Lächelm im Gesicht. Er spricht mich freundlich an, mit mäßig vorbereitetem Vortrag, trotzdem merkt man, dass er einen Plan hat, er will mich für sich gewinnen, für seine Sache, eine gute Sache, wie er findet.

Ab Mai trägt er die Zeitungen für uns aus und weil die Provision von 15 Cent pro ausgetragener Zeitung offensichtlich zu karg zum Überleben ist, bietet der junge, engagierte Mann auch Zeitschriften an, die er immer mittwochs vorbei bringen würde. Und damit zusätzlich 25 Cent pro Stück verdienen würde.

Für den Herrn den Spiegel, für die Dame eine Fernsehzeitschrift?

Ich bin untröstlich. Junger Mann, denke ich, sage es aber nicht, weil ich versuche höflich zu sein und ihm nicht so offensichtlich das Gefühl zu geben, dass wir einer dieser Haushalte sind, die sich kostenlos durchs Internet schnorren, während Menschen wie er sich von ehrlicher Arbeit nicht mehr ernähren können, ich denke also

Junger Mann, so läuft das bei uns nicht. Wir haben schon seit Jahren keine Zeitung mehr abonniert, eine Zeitschrift auch nicht, schon gar keine Fernsehzeitschrift, denn das, was wir lesen, suchen wir uns im Internet zusammen und das Fernsehprogramm, nun ja, ist viel zu überschaubar, als dass sich eine Zeitschrift dafür lohnen würde. Dafür gibts doch Apps. Natürlich ist das irgendwie auch Schnorren, denn statt Ihnen (und vielen anderen) direkt Geld für Ihren arbeitsmäßigen Anteil an der Wertschöpfung der unvermeidlichen Medien zukommen zu lassen, mögen wir lieber die scheinbar kostenlose Werbevariante, die uns mit Bannerwerbung und Umfragenscheiß zumüllt, soweit wir das nicht sowieso automatisch herausfiltern lassen. Natürlich, das muss ich Ihnen hier auch mal mit aller Deutlichkeit sagen, ist es aber auch nicht unser Problem, wenn Ihre Geldgeber es nicht auf die Reihe bekommen, sich ein System einfallen zu lassen, mit dem man gute Leistung auch monetär honorieren kann, und zwar ganz einfach, per Knopfdruck. Nein, ich will gar wie früher das gesamte Produkt kaufen, stattdessen wäre es mir lieber, einen guten Artikel, der sich von den anderen 100 deutlich abhebt, mit einem finanziellen Beitrag belohnen zu können. Halten Sie diese Haltung nicht auch für ewiggestrig?

Das denke ich natürlich nur und verkneife mir meine Meinung, für deren Umstände der junge Mann sowieso nichts kann. Außerdem erscheint mir für soviel Tirade viel zu nett. Also schicke ihn einfach, aber bestimmt weiter, auf seinen langen Marsch, mich selbst dafür ein wenig scheltend, später mit der Überlegung, dass dieses Dilemma irgendwie gut in Blog verwurstet werden könnte, wegen der Dramatik und so.

Ach, hätte ich ihm doch bloß angeboten, einfach freitags kurz zu klingeln, damit ich ihm seinen durch unsere Schnorrerei entstandenen wöchentlichen Verdienstausfall von 1,15 Euro persönlich erstatten kann.

Kann ich ja immer noch, ab Mai. Wenn irgendjemand hier überhaupt noch papierne Zeitungen liest und er er einen Grund hat, vorbei zu kommen.