Aggregatzustände

Aggregatzustände sind für Erwachsene unzweifelhaft. Festes ist fest, Flüssiges ist flüssig und Gasförmiges wabert unfassbar durch Raum und Zeit. Dass der Zehnjährige sich nicht fragt, warum das so ist, enttäuscht. Was fragst du dich denn, frage ich ihn, und bekomme einen gut ausgearbeiteten Vortrag über das Star-Wars-Universum zu hören und hätte er sich besser auf meine Frage vorbereiten können, wären wohl noch ein paar detaillierte Abbildungen zum Thema an die Wand gebeamt worden.

Aggregatzustände interessieren ihn aber nicht.

Wer, wie, was? Vielleicht hat das Kind zu wenig Sesamstraße geschaut oder zu oft “Die Sendung mit der Maus” verpasst? Waren “Wissen macht Ah” und “Willi wills wissen” zu wenig Input für das Kind, das nun scheinbar das Nachdenken über Zusammenhänge und unsere Welt verweigert? Verschwendeten wir zu viel wertvolle Zeit auf dem Fußballplatz, statt frühzeitig eine zweite, dritte, vierte Fremdsprache zu lernen? Kann man das mit youtube nachholen?

Dass sich die Unterschiede der Aggregatzustände anhand des Teilchenmodells beschreiben lassen, ist für Erwachsene unzweifelhaft. Dass die Teilchen in einem Stein nicht so wild durch die Gegend schwingen, wie in Wasserdampf, stellen wir nicht mehr in Frage. Es sit offensichtlich. Warum der Zehnjährige allerdings so tut, als wäre er ein Erwachsener, der keine Fragen mehr stellt und einfach nur noch in den Tag hinein lebt, lässt uns rätselnd zurück.

Vielleicht sollten wir Christoph Daum als Motivationstrainer engagieren? Oder mal nach den Aggregatzuständen auf Tatooine fragen? Wie würde Yoda das Teilchenmodell beschreiben?

Familienwochenende(n)

Im Prinzip alles wie immer.

Sie freut sich, denn die Bayern haben verloren und es ist gut, wenn die Bayern verlieren, denn sie kann Manuel Neuer nicht leiden.

Der Zehnjährige freut sich, denn Barca hat verloren und es ist gut, wenn Barca verliert, denn er sieht viel lieber Real Madrid siegen. Und mag Cristiano Ronaldo. Eigentlich hätten wir am liebsten den Zehnjährigen mit seiner Mannschaft siegen sehen, aber leider verweigerten sie die Offensive und leisteten sich zwei, drei Fehler mehr als der unterdurchschnittlich begabte Schiedsrichter, dem man das nachsehen muss, denn er ist, wie viele andere, Amateur.

Ich freue mich, denn Werder Bremen hat gewonnen und ganz besonders freue ich mich für Naldo, den schon einige im Fußballeraltenheim gesehen hatten und es ist gut, wenn Bremen gewinnt, denn. Keine Ahnung. Bin ja grundsätzlich kein Fan, von niemand. Obwohl. Das muss noch einmal überdacht werden.

Nur der Siebenjährige ist traurig: Die Bayern haben verloren, Barca hat verloren und er, er hatte spielfrei und es ist schlecht, wenn der Siebenjährige spielfrei hat, denn wenn er könnte, würde er den ganzen Tag über den Platz hetzen und rennen und spielen und spielen und spielen, bis er abends ins Bett fallen und weiter seine Träume von großen Stadien träumen darf. Vor Wut zog er sich zwei Zähne.

Und doch war da noch etwas anderes, ein Etwas, das mit Kerzen und Keksen zu tun hatte und Adventsstimmung und ein Babylachen und Tannen, die wir nicht wollten, weil sie höchstens einen wackeligen Torpfosten hätten abgeben können, aber keinen vernünftigen Weihnachtsbaum.

Nur singen kann ich nicht

Abends durch die Straßen flanieren, den Hund von der Fuchsjagd abhalten und sich durch den November denken. Nebel und das orangene Licht der Laternen, man könnte einen melancholischen Song schreiben, der sich irgendwie nach Tocotronic anhört, aber singen kann ich nun mal nicht. Und keine Songs schreiben. Was ich kann, ist das hier. Selbstgespräche.

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Und ewig lebe das Samstagsritual, der reguläre Spielbetrieb. Ist das Erziehungsarbeit oder Spaß? Was bringt man den Kindern bei? Spiel ist Spaß. Und Ernst zugleich. Es gibt Regeln, die zu beachten sind und wenn man mitdenkt, wird man besser. Andere können vielleicht besser denken oder sind einfach schneller, so ist das im Leben. Lektion gelernt und jetzt Mittagsschlaf, wir sind früh aufgestanden.

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Das Spiel vom Freitag. Ich glaube, die Kinder hätten nicht schlecht geschaut, hätten sie nicht schon geschlafen. Ohne sie fehlte mir ein wenig Sachverstand, das Spiel zu verstehen. Manchmal sah ich den Versuch einer Kopie der Dominanz eines FC Barcelona, allerdings ohne die Nadelspitzen, die Tore schießen, und manchmal sah ich Verwirrung in den Gesichtern der Spieler, die von ihrem Trainer herausgefordert wurden. Aber was weiß ich denn schon. Meine persönlichen Männer of the match: Kroos (wird groß) und Müller (immer wieder Müller).

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Er bastelt seine Erkenntnisse nach und nach zusammen und entwirft eine fast schon mathematisch errechnete Formel für den Einzelnen und dessen Verhaltensmuster in bestimmten Situationen. Und er katalogisiert die Eigenschaften des Spielers. (Link)

Der Trainer als fanatischer Tüftler, als Bastler, als Handwerker, jemand, der bis in die Nacht darüber nachdenkt, an welchen Stellen welche Hebel anzusetzen sind, um sein Bild von einem perfekten Spiel umzusetzen, um einen talentierten Spieler zum Bestandteil einer talentierten Mannschaft zu machen, faszinierend.

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Melancholie, der stetige Begleiter vergehender Tage.

Klima, Wandel

Samstags aufstehen, wenn es noch dunkel ist. Kaffee kochen, Brötchen holen, Tasche packen, ein eingespieltes Ritual. Sommer- und Winterpausen natürlich ausgenommen, dann schläft man aus. In diesem Jahr freut man sich über die scheinbar nimmer müde Morgensonne, seit ein paar Tagen leicht von dem über der schläfrigen Stadt liegenden Nebel verhüllt, schläfrig und kalt. Dann strahlt auch so ein Kunstrasenplatz mitten in der Großstadt eine gewisse Romantik aus.

Frühe Vögel, frühe Würmer, man mag diese Sprüche am Ende nicht mehr hören, seit Jahren mault man auch nicht mehr, über frühe Stunden und verschenkte Zeit, selbst gewähltes Elend. Es macht sogar Spaß. Am Ende des Tages wird jeweils ein verlorenes und ein gewonnenes Spiel auf dem persönlichen Erfolgskonto verbucht, ein geschossenes Tor (haha, was für ein Tor) und man hat auch wieder eine Ecke der Stadt gesehen, die man bisher nicht kannte, dafür ein großes „Hallo.“

Schrebergärten und so weiter

Sonntags ausschlafen, soweit das geht. Nach dem Frühstück eine kleine Wanderung durchs Industriegebiet, Schrebergärten, über das alte Gleis, ein bisschen gedankenverloren dem Hund hinterher trotten, ein paar Fotos machen, wer weiß, wie lange die Luft noch so schön seicht und golden ist, wer weiß, wann einem der Schnee um die Ohren fliegen und die Nase einfrieren wird, wer weiß, wer weiß. Du musst das Tor noch abbauen, sagt sie dann, sonst steht es irgendwann im Schnee herum, wir fegen Laub, die Jungs kicken noch ein bisschen, es sind knappe fünfzehn Grad, immer noch wärmt die Sonne den Pelz und für kurze Zeit denke ich – oh Frevel – ein Klimawandel, der mir Anfang November die Sonne ins Gesicht scheinen lässt, kann so bösartig gar nicht sein.

Leidenschaft

Mit einem Siebenjährigen über Fußball philosophieren. Er muss ES wissen, denn er führt die familieninterne Tipprunde an. Und sammelt Bundesliga-Sammelkarten.

Am meisten liebt der Siebenjährige natürlich Lionel Messi. „Zeig mir bitte die neuesten Videos auf youtube“, sagt er oft, schaut sie sich an und nickt wissend mit dem Kopf. Manchmal ist er Bayernfan. Aber eigentlich auch nicht. Meistens ist er wie sein Vater: Er mag das Spiel und wenn das gut ist, mag er auch das schöner spielende Team, selbst wenn es am Ende verliert.

Der Siebenjährige ist ein Checker mit Durchblick. Es gibt ein Foto von ihm, das ihn unmittelbar vor einem Freistoß zeigt, sein Gesichtsausdruck schwankt zwischen wissend und nachdenkend, der rechte Fuß ruht locker auf dem Ball, er streicht sich die Haare zurück. Ich habe keine Ahnung, was aus dem Freistoß wurde, aber sehe ich das Bild, sehe ich einen, der weiß was er tut.

Seit sechs Jahren spielt er Fußball. Im selben Moment, in dem er Laufen lernte, lernte er auch mit einem Ball zu spielen. Zum Leben brauchte er noch nie sehr viel, nur sich, einen Ball und jemanden, der mit ihm spielte. All die feinen Legosachen interessieren ihn wenig, Bälle sind seine Leidenschaft. Im Juni, zum Beispiel, spielte er mit seiner Mannschaft ein Turnier, es war heiß und wenig schattig und er spielte und spielte und spielte und als wir am späten Nachmittag nach Hause kamen, schnappte er sich einen Ball, um weiter zu spielen, einfach so.

Der Siebenjährige möchte einmal in Barcelona spielen. Er sagt das so daher, als sei es beschlossene Sache, als führe gar kein Weg daran vorbei, als sei dieser Weg in die Königskönigsklasse des Fußballs unproblematisch wie ein Nachmittagsspaziergang am See, ein Weg der praktisch jedem offen stehe.

Und natürlich soll er seinen Traum haben, wie wir alle unsere Träume haben, wenn wir uns im Vorgarten zu dritt am Tiki-Takka probieren – der ambitionierte Zehnjährige (Real Madrid), der leidenschaftliche Siebenjährige (FC Barcelona) und der beim Fußball eher gescheiterte Vater (Basketball, Phoenix Suns) – und froh darüber sind, eine gemeinsame Leidenschaft zu haben, über die wir philosophieren können, in unserer geheimen Runde, in unserem geheimen Club.