auch nur ne nacht in berlin

früher habe ich mich für einen melancholiker gehalten, bis mir das leben etwas anderes beibrachte. aber egal, vieles ist überwunden. meistens.

nachts an der spree, ein bisschen was getrunken und das gefühl, das mich sonst in solchen zeiten überwältigt – schade, dass die welt irgendwann untergehen wird. vielleicht schon jetzt gleich. also weine schon mal. – stellt sich nicht ein.

dafür räubern wir uns auf ein sommerfest einer eigentümergemeinschaft, kein berliner dabei und die musik ist auch ziemlich schlecht. aber es gibt bier.

am „kater blau“ vorbei. das leben ist zu kurz für lange schlangen, an gehypten clubs, in gehypten städten. „süß war gestern“ reicht eigentlich, die getränke sind okay. wir sind ganz schön alt.

„keine schönen frauen hier“ sagt er zu mir und wahrscheinlich hat er recht. älter werdende herren sind anspruchsvoll oder haben resigniert. die meisten hier haben nicht einmal schöne schuhe an. einige rauchen. haben wir uns auch schon abgewöhnt.

bunte lichter an der decke, bass pumpt, das herz geht, wir auch. nächtlicher döner, fahrt durch die sommerliche stadt, der morgen graut, gänsehaut, wir können alles, denn wir leben in berlin.

War was? – 22.07.2015

Wir unternehmen eine Reise nach Südkorea. Schon der Flug ist speziell, das Flugzeug kann in Seoul nur landen, wenn es vorher eine Reihe komplizierter Loopings fliegt. Wir stehen schon am Ausgang, weil wir das aus der Berliner S-Bahn so gewohnt sind, und finden die Überschläge und scharfen Kurven eher nicht so toll. Im Flughafengebäude möchte ich die Toilette benutzen, beschließe aber, es bleiben zu lassen, da das öffentliche WC eher einem verunfallten Dixie-Klo gleicht und unappetitlich aussieht. Auf der Fahrt mit dem Bus stelle ich fest, dass ich das Ladekabel für mein iPhone vergessen habe. Meine Begleitung kommentiert das angemessen: „Wie kann man nur das Ladekabel für Apple-Produkte vergessen, wenn man nach Südkorea fährt. Hier gibts doch nur Samsung.“ Irgendwann steigen wir aus, auf einem Marktplatz, der aussieht, als wären wir auf einer Karibik-Insel, überhaupt nicht asiatisch. Wir brauchen Bargeld, was wir natürlich nicht haben, so begeben wir uns zu einem Geldautomaten, an dem tausende Menschen anstehen. Die Bedienung des Automaten scheint sehr schwierig, nieman bekommt genug Geld heraus, wir drehen frustriert ab. Aufgewacht.

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Ein Mann steigt Warschauer Straße in die S-Bahn ein und tanzt wie ein Derwisch, ohne Musik. Er trägt einen Wintermantel, den er aber schnell in eine Ecke feuert und mit nacktem Oberkörper weitertanzt. Dann ist die Hose dran. Unter der Hose trägt er eine Leggings mit Leopardenmuster. Die ersten Fahrgäste verlassen den Bereich, in dem er seine Tanznummer abzieht. Wird er sich nackt ausziehen? Es ist ihm zuzutrauen, sein Hirn scheint er auf einen anderen Planeten geschickt zu haben. Oder in eine andere Dimension. Nein, er zieht sich wieder an, springt Ostbahnhof wieder aus dem Zug und rennt wie angestochen über den Bahnsteig, die Augen weit aufgerissen. Kein Traum, einfach Berlin.

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Überhaupt, S-Bahn in Berlin. Menschen steigen ein und essen, warum? Die Züge sind keimig, die Mitmenschen sind es meistens auch und man stinkt alles voll, mit dem wunderbaren Dönerduft. Oder Cheeseburger, nen halben Tag alt. Und dazu auch noch Trekkingsandalen und weiße Socken tragen. Schlimm.

Kein normaler Samstag

Ein Mal den modernen Berliner raushängen lassen wollen, also Hochdeutsch sprechen und nicht Berlinern, den Fünftagebart ordentlich stutzen, statt wuchern zu lassen, Rotkäppchen rosé statt Jubi-Kindl trinken (schmeckt sowieso nicht), mit Erdbeeren drin, immerhin ist schon meteorologischer Frühling, die Eröffnung einer Heilpraktikerpraxis in Weißensee besuchen, wegen der connections, verstehste? Fail, siehste wohl.

Lauter nette junge Leute, man merkt, wie alt man eigentlich geworden ist, in seiner kleinen, ruhigen Ecke, weil man Kinder dabei hat, wird man auch ein wenig schräg beäugt. Es gibt Torte, die so unglaublich lecker ist, dass man zwei Stücken ist, statt gar keines und schon gar nicht in homöopathischen Dosen. Rinnjehaun. Die netten Leute sind Verwandte und Bekannte der Eröffnenden, also eher nicht ihre Klientel, die laufen vorerst nur vorbei und beäugen kritisch das Aushängeschild „Bioresonanztherapie“. Einige habe ich wissend nicken gesehen, ich musste mir das erklären lassen. Und später auch noch googeln.

Man bewegt sich hier in Sportlerkreisen, ein guter Aufhänger, ist man doch am Sport interessiert. Ja, bin heute schon um acht in Pankow gewesen, Punktspiel des einen Kindes beim ruhmreichen VfB Einheit zu Pankow, hat sich aber nicht mit Ruhm bekleckert. Im Flur steht ein braungebrannter Jemand, der einem bekannt vorkommt. Fußballspieler? Nö. Leichtathlet? Nö. Achso, Eisschnellläufer, wie fast alle hier. Spielte mit im Film „Braungebrannt in Sotschi und doch nichts gewonnen“, man vermeidet trotzdem Häme, der kann immer noch schneller als man selbst rennen, auch wenn er langsamer war, als alle Holländer. Bevor ich ihn nach seiner Meinung zur Krise auf der Krim befragen wollte, war ich schon verschwunden.

Im Frühlingssonnenschein, hach.

Kinderkrankenhaus Weißensee

kinderkrankenhaus weißensee

Eine inzwischen fast in Vergessenheit geratene Einrichtung war das 1911 eröffnete und 1997 geschlossene erste kommunale Säuglings- und Kinderkrankenhaus Preußens, das sich in der verlängerten Kniprodeallee (heute Hansastraße) befand. Es besaß damals einen eigenen Kuhstall. (Wikipedia)

All diese tollen Projekte [wissenschaftliches Zentrum für Krebsforschung, Therapiezentrum, ambulanter Klinikbetrieb und ein Tagungszentrum] wollten die neuen Eigentümer, die Firma MWZ Bio Resonanz GmbH, auf dem Gelände des früheren Säuglings- und Kinderkrankenhauses Weißensee realisieren. 2005 kauften die russischen Investoren als Höchstbietende das 28 000 Quadratmeter große Gelände an der Hansastraße.

Doch statt die Häuser zu sanieren und ein Krebsforschungszentrum zu errichten, ließen die Eigentümer das Gelände in den folgenden Jahren komplett verfallen. (Berliner Zeitung)

Seit Jahren dürfen wir tatenlos diesen wunderbaren Verfall betrachten und schöne Fotos machen, fürs Verfallsalbum. Sieht ja auch schaurig schön aus und passt natürlich 1 A ins Stadtbild (verfällt, aber sexy), vor allem in den wilden Osten, in die Hansastraße, diese graue Magistrale (super super sightseeing, mit dem Radl vom Goldenen M an der Indira-Gandhi-Straße über den Auferstehungsfriedhof bis zum Hansa-Center mit dem einzigartigen Kangaroo´s Land [sic!]), angenehm weit weg von der bärtigen Hipstermitte, allerdings nah genug am grauen, elfgeschossigen Neu-Hohenschönhausen, das man ja auch mal gesehen haben muss. Und natürlich typisch, dass sich ein Investor fand, der zwar irgendwie ein bisschen Geld und auch tolle Ideen versprühte, aber dann BERmäßig bauchlandete oder eher gar nicht, was man ja vom Großprojekt BER auch schon fast befürchten muss. Immerhin könnte man aber tolle Fotos vom Verfall schießen, super super sexy.

Prinzipiell schwierig

Viel selbstreferenzielles Gequatsche mit dem eigenen Ich, wenn der Abendspaziergang mit dem Hund sich in die Länge zieht. Und es schneit. Kleine Reinigung der Seele.

Freitagabend in der Traglufthalle herum stehen, ein Kind springt auf Matten, von Matten, rutscht über Bänke, so wie wir früher im Sportunterricht über Bänke rutschten, wenn wir Zirkeltraining verordnet bekamen oder so, also mit den Armen voran, bäuchlings über die Bank ziehen, das kann die schon, mit anderthalb, wir sollten eine gute Sportschule suchen. Das andere Kind übt Barcelona. ‚Spiel den Ball wieder zum Torwart, wenn niemand frei steht.‘, ‚Jetzt der Pass nach vorne, ja, ja, nein, früher abschließen.‘ und ‚Nein, nein, mehr Bewegung, spielt doch mal zusammen, mehr passen!‘ – so klingt das in der Traglufthalle, am Freitagabend, ab März auch wieder draußen, wenn es nicht mehr schneit und so weiter.

Samstagabend ein Tatort aus dem Jahre 1986. Eine Zeit – Lichtjahre entfernt. Im Film tragen sie komische Sachen, fahren komische Autos, die heute als Oldtimer durchgingen, Golf 1 oder Mercedes SEL, Charles Brauer und Manfred Krug sehen unglaublich jung aus, ständig wird geraucht, irgendjemand raucht immer, eine Frau trägt öffentlich Achselhaar, Männer Schnauzer, in der Wohnung einer Vermissten hört man laut Depeche Mode, es gibt eine Szene, in der mit einem schnurlosen Telefon telefoniert wird, das Ding ist riesig, mit riesigen Tasten und langer Antenne. 1986 sind wir umgezogen, ich kann mich noch erinnern, dass wir Kartoffelsalat und Würstchen essend in der leeren Wohnung standen, auf einer Leiter stand der tragbare Junost-Fernseher, schwarz-weiß, natürlich lief Fußball, Weltmeisterschaft, Endspiel, Argentinien gegen das andere Deutschland, dem wir trotzdem die Daumen drückten, was ja bekanntlich nicht reicht. 27 Jahre ist das her, kaum zu glauben. Und dann noch dieser Tatort.

Und wenn du dann noch deinen Sonntag in einer grauen, muffigen Sporthalle am Kurfürstendamm verbringst, mitten im Mief des alten West-Berlins, inmitten dieser ganzen alten, grauen und piefigen Sechziger- und Siebzigerjahrebauten, in denen bereits all das steckt, was man heute noch am BER sehen kann, die ganze gruselige Provinzialität des Dorfes Berlin, die kein Länderfinanzausgleich jemals länderfinanzausgleichen kann und du dabei zuschauen kannst, wie deinem Kind und seinen Kumpels wieder einmal ein paar deutliche Grenzen (im Fußballerischen) aufgezeigt werden, denn bleibt dir nichts anderes übrig, als das alles prinzipiell schwierig zu finden.

 

Irgendwas mit #BER

Eine Politik, welche die Bedürfnisse der Menschen ernster nähme als die Absicht, sich selbst ein Denkmal zu errichten, hätte die drei Flughäfen, die es in Berlin noch gab, als Klaus Wowereit sein Amt antrat, behutsam modernisiert und besser miteinander verbunden.

Wowereit in der Kritik – Auf der falschen Party [quote.fm]

Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen! Hahaha. Und auch wenn das alles traurig ist: Man kann sogar als Berliner darüber lachen. Als solcher hat mir auch niemand wirklich erklärt, aus welchen Gründen es sinnvoll sein soll, drei existierende und funktionierende Flughäfen zu schließen, um ein dilettantisches Megariesengroßprojekt irgendwo in der Provinz zu starten. Hab alle drei ausprobiert und konnte nichts dran aussetzen. Aber, wer bin ich denn schon? Was weiß denn ich? Von den Heerscharen Geschäftsreisender, Touristen und überhaupt? Berlin ist arm, aber sexy. Irgendwer wird es schon bezahlen. Und so. Sicher, den meisten ging dieser BER bis zum Platzen der ersten Verschiebeblase im letzten Jahr sowieso am Allerwertesten vorbei, wie so vieles, was mit Politik zu tun hat. Ist auch viel einfacher. Für mich. Für euch. Und für Politiker. Aber jetzt, jetzt wissen alle Bescheid. Und stellen Fragen. Und lachen. Und haben es schon immer gewusst. Kann nichts werden. Schon gar nicht in Berlin. Berlin? Hahaha. Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen! Hahaha. Wer hat eigentlich diesen Wowereit gewählt?

Haltestellenkino

In der Bahn sitzen und Dembowski lesen, um des reinen Lesens willen. Seit Jahren mit der Bahn fahren, Ewigkeiten, das ist doch was, in dieser Stadt, in der wenig ewig ist, ein ständiges Kommen und Gehen, wie die Bahn fährt. Wenn sie fährt. Hätte ich meine Welt nicht, könnte ich eure nicht ertragen, denken alle, die hier sitzen, sofern sie zu den Unauffälligen gehören, den Auffälligen ist sowieso alles egal. Jeder ist hier seine eigene Parallelgesellschaft, ob schwarz, weiß, Tourist, Zugereister, Einheimischer, wobei einheimisch nicht auch zugereist oder sogar Tourist heißen kann, wer weiß das schon?

Wobei ich einwerfen muss, dass ich dieses „Berlin an der Landsberger Allee“ wie meine Westentasche kenne und deshalb auf eine Tätowiertenquote deutlich unterhalb der 50 Prozent und auch den mehrheitlich richtigen Gebrauch deutscher Grammatik bestehen muss, wobei mein Eindruck der gleichen vorurteilbehafteten Empirie entspringt, wie der aller anderen. Jeder lebt in seinen Vorurteilen.

Am Alex steigen zwei Männer ein und verbreiten einen unangenehmen Geruch, eine Mischung aus Wodka durchtränktem Atem und seit Monaten nicht mehr gewaschenen Jeans, der eine fängt an zu reden und dem unfreiwilligen Zuhörer schnürt sich augenblicklich die Kehle zu, nicht nur wegen des alten, muffigen und unangenehmen Geruchs, auch wegen der von Alkohol und Zigaretten völlig zerfressenen Stimme, grobes Schmirgelpapier erscheint dagegen glatt (wie ein Babypopo). Aber du erträgst das alles, hast dich zurück gezogen in dein Welt, schaust aus dem Fenster, siehst den Baumarkt am Ostbahnhof, die Baustelle an der Warschauer Straße (und denkst „Haha, eine Baustelle, wie überraschend!“), die Baustelle am Ostkreuz (wird noch Jahre zu sehen sein) und stellst Nöldnerplatz fest, dass die Trinkbrüder mit osteuropäischem Zungenschlag ausgestiegen sind und nun eine Dame mittleren Alters (was auch immer das sein mag) vor dir sitzt und „50 shades of grey“ liest  (was auch immer das bedeuten mag), von dem du schon viel hörtest, was dich wiederum nicht interessierte.

Früher war mehr Bukowski. Und natürlich Benn. Heute aber lächelst du über den häufigen Gebrauch des „Regens von Castamere“ an den richtigen Stellen, in einer Geschichte, die eben nur das ist: Eine Geschichte. Die Laune eines Schriftsteller, zweifelsohne auch angetrieben vom Erfolg, letztlich aber nur eine Laune, ein geistiges Hirngespinst, eine Parallelwelt, die dir willkommen ist, um Bahnfahrten durch die Stadt ertragen zu können.

Und: Zum Glück gibt es noch Blogs.

[Bloggen wie früher.]