Lesekultur?

#Kind1, achte Klasse, lag auf dem Sofa und stöhnte. Argh, oohhmm, urghs. Erst vermutete ich Bauchschmerzen und machte ihm prophylaktisch ein Körnerkissen warm, damit er sich den Bauch wärmen und mit dem Rumgestöhne aufhören konnte. Aber nein, es war nicht der Bauch, er las.

Im Prinzip liest #Kind1 viel und schon immer und, anders als #Kind2, musste man ihn dazu nie besonders animieren, er greift stets selbständig zum Buch, solange eben Nachschub da ist. Also fragte ich ihn, wo denn das Problem sei. Und sein Problem hieß Anne Frank.

Ich muss zugeben, womöglich zu meiner Schande, dass ich das Buch nie gelesen haben, mein damaliger Deutschlehrer mochte lieber über Wolfgang Borchert fabulieren (zum Glück fabuliert er inzwischen nicht mehr mit Schülern), und kann mir so auch kein Urteil über das Werk erlauben. Und so fragte ich #Kind1, was denn sein Problem sei, denn immerhin ist das Thema und der geschichtliche Hintergrund, doch interessant, bewegend, empörend, emotional aufgeladen und damit doch eher nicht langweilig.

Und doch ist es scheinbar so, dass der zum Lesen gezwungene Schüler größere Probleme damit hat, sich zu motivieren, sich durch das Thema durchzuackern, zu beißen, zu kämpfen, sich womöglich noch mit Hintergrundinformationen einzudecken, die ja so schnell und super zu Hand sein können (das wiederum macht #Kind2 unglaublich selbständig, schaut lange Dokumentationen über Tschernobyl auf youtube, nachdem man in der Schule über Atomkraftwerke gesprochen hatte).

Eine nicht belastbare Umfrage im Kreise der Mitschüler brachte nicht nur ähnliche Erfahrungen zu Tage, sondern Schlimmeres. Nur zwei von sechs hatten das Buch zu Ende gelesen, einer hatte angefangen und stand einen Tag vor Fristablauf bei dreißig gelesenen Seiten, drei hatten mal kurz drauf geschaut und das Buch wieder weggelegt.

(Vielleicht waren die aber auch sehr clever und haben im Vorbeigehen mal kurz drei
Stunden investiert und den Film angeschaut. Man unterschätzt die Jugend auch mal schnell.)

Irgendwann jedenfalls hatte #Kind1 das Buch durch, die verbleibenden Seiten zählend und sich Tageskontingente ausrechnend. Und ich frage mich, wie beeindruckend, wie faszinierend, wie interessant, wie lesenswert soll Literatur auf diesem Weg dem gemeinen Schüler denn nun nahe gebracht werden? Warum ist es nach zwanzig Jahren immer noch so, dass Bücher auf dem Lehrplan stehen, die interessant sind, aber von den wenigsten gelesen werden? Geht das immer noch nicht motivierender?

 

Die Straße entlang

Die Straße entlang, immer der gleiche Weg, vorbei an den Häusern, Hunde bellen, Gardinen werden beiseite geschoben, Menschen schauen, Sonne geht unter, Sonne geht auf, Sonne scheint, es regnet, es stürmt, es hagelt, es schneit, Triebe wachsen, Laub raschelt unter den Füßen, Schnee knirscht, Frühblüher blühen, reife Äpfel fallen und duften süß und sauer, seit vierzehn Jahren.

Die Straße entlang, allein, zu zweit, zu dritt, zu viert, zu fünft, allein, wegen der Zeit meist allein. Nicht ganz allein. Ein paar Sterne, sieht man kaum, im Großstadtlicht, im August ein paar Sternschnuppen, wenn man ganz genau hin schaut.

Die Straße entlang, ein paar Freunde gefunden, ein paar Freunde verloren, Menschen gesehen, Menschen gemieden, Zeit genutzt, mit Menschen am Telefon, mal gut, mal schlecht, Bücher gehört, Alben gehört, Podcasts gehört, Musik gefunden, Musik verloren, Wiederholungen im Schein der Straßenbeleuchtung, orange und vertraut. Vorbei.

Jahresendzeit

Wecker klingelt. Snooze. Wecker klingelt. Snooze. Der Wecker klingelt, Beine aus dem Bett gehievt, Rest ist taub und schwach und überhaupt.

Treppe hoch, Kreislauf nicht. Licht an, Augen auf, in den Spiegel schauen: Schlecht. Augenringe, Tränensäcke bis zum Knie, Augen rot, wie beim Kaninchen. Draußen Nacht, am Fenster Frost. Haare schön, Bart ab, guter Duft, der Tag wird kommen, sagt der Osten.

Koffein in der Nase, Espresso schwarz, mit leichter Crema, Kreislauf sagt “Hallo.” Stullen schmieren, Stullen schmieren, Stullen schmieren, Obst schneiden, Obst schneiden, Obst schneiden. Flaschen füllen. Süßigkeiten. Im Haus fast Stille, ein leises Schnarchen.

Der Hund will raus, warum denn nur? Die Steine leicht gefroren, knirschen, kalte Luft in kränkelnder Nase, irgendwo am Himmel ein Stern. Trotz der Lichtverschmutzung, yeah. Nachbarn treffen, in den Schal murmeln, Kackbeutel rausholen, warm, iehh.

Tür auf, Tür zu, Tür auf, Straßenbahn hinterher winken, im Wartehäuschen warten, Gespräch vermeiden, Podcast hören, Bahn kommt, die erste Stunde des Tages geschafft.

Wann ist endlich Weihnachten?

Notes | 03. Juni 2014

kurz, wenig wurz:

“was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen.” # ich werde niemanden ernst nehmen oder unterstützen der “der blog“ sagt. NIEMANDEN! # grumpy middle aged man. # ballonaldo raus! # “sauf-befehl“ zur europawahl, prost! # stelle mir vor, wie “der kevin“ das siegtor zum finaleinzug schießt und alle auf twitter “yeah“ brüllen. # real madrid hat die europawahl gewonnen? wegen der nichtwählerinnen und nichtwähler! # der korinthenhacker. # schlachterfestplatte. # “guten tag, ich bin ein computertomograph. machen sie sich keine sorgen, alles relativ harmlos. aber die bleidecke ist pflicht.“ # kranker mann sucht gutes match-3-game. # und schon verkriecht er sich wieder. # ich tanz den mussolini. # welches schräge statement soll ich aus der lederhose eines besuchskindes heraus interpretieren? # mit der welt hadern, weil es schon den ganzen tag regnet. # wie läuft eigentlich die wm-vorbereitung von team chile? unspektakulär, oder? # die einen fahren betrunken fahrrad, die anderen schreiben nie vollendete romane, über ballerinas an dicken kindern. # bin morgen übrigens immer noch dein vater, luke. # möchte t-shirts mit der aufschrift „nieder mit dem kommerz“ im KaDeWe verkaufen. # tim “the hulk“ wiese. # „papa, was wiegt ein hipster?“ – „keene ahnung.“ – „ein instagram.“ danke, #kind1.

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als touri in der eigenen stadt. #berlin http://t.co/GLTD8DgW6w

#

europäischer reichstag, sozusagen. http://t.co/Y4pOBPxrmS

Notes | 23. Mai 2014

oh mein gott: oh mein gott.

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muss nächste woche kurz glutenfrei bloggen und twittern.

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deckname “schnittfestes wasser”.

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stern.tv fragt: muss google jetzt das internet löschen? vorher aber womöglich ausdrucken? bleiben sie dran.

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RT @SciencePorn

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romantik am olivenbäumchen.

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gesundheitliches leichtgewicht.

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sofaphilosoph. ein philosofa.

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so ein handgeklöppelter garten braucht also mindestens 5 jahre, um irgendwie ansehnlich zu wirken? ich, der hobbygärtner.

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in berlin eine tankstelle eröffnen und sie “aggro benzin“ nennen.

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aus europa, für europa! (richtigstellung einer falsch klingenden wahlwerbung)

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“toni kroos bleibt toni kroos”

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#link: Trainer Baade » World-Cup-Quiz in 8bit

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#link: kiezneurotiker: Ich wähle euch immer noch nicht

Sommermensch fährt Fahrrad

Sonne am Morgen, sich aufs Fahrrad schwingen, ganz beschwingt zum Bäcker radeln, der erste sein, denn es ist Sonntag und es ist dreiviertel acht oder viertel vor acht oder sieben Uhr fünfundvierzig und um diese Zeit trifft man nur Menschen, die von ihren kleinen Kindern unsanft aus dem Schlaf gerissen wurden und senil Bettflüchtige. Die Luft ist kühl und warm zugleich, frisch und feucht, vom Morgentau, ein wenig Glitzer glitzert über den Wiesen, man möchte Romantiker sein, wie einst Eichendorff oder so, die Dinge rhythmisch vertexten, so wie sie schön scheinen.

(Aber die Welt ist ja gar nicht so.)

Sternengeschichten hören, dabei durch den Sonnenschein radeln, der angenehm und nicht ganz unwichtig für uns ist. Das Universum ist verwirrend. Ich kann inzwischen Menschen, die an einen Gott glauben (möchten), ein wenig besser verstehen, es macht vieles einfacher. Die Vorstellung, dass irgendein menschähnliches Wesen, auf einem Thron in den Wolken sitzend, aus einer netten Laune heraus mit dem Finger auf eine leere Stelle im All zeigte und dort Sonne, Erde, Mond und so weiter erschuf, ist am Ende für so manchen einfacher zu ertragen, als die unabwendbaren Gesetze der Physik. Fahrradfahrspinnerei, verstehste?

I see fire. Seit Wochen leise vor mich her singend, immer und immer wieder, mit Gänsehaut. Warum? Darum. J. R. R. Tolkien als einzig anerkannter Fantasy-Autor (Das Silmarillion!), alles andere erscheint schrottig. Ein Urteil mit eingeschränkter Sicht, denn wer weiß schon alles? (Wobei die Filme, ähm, ja. Die modernen Verfilmungen mit ihrem Pathos, schießen doch teilweise übers Ziel hinaus, aber womöglich muss das heute so sein.)

Durch Fliederduft, die Straßen entlang, am Lenker baumeln Brötchen, warm und auf goldenem Boden handgefertigt, vorbei an Tankstellen, an denen Autofahrer sich mit frischen Brötchen eindecken, Brötchen an der Tankstelle, dazu vielleicht noch ein Bierchen zum Frühstück? Untergang des Brötchenlandes, ick hör dir trapsen. Die Zukunft schmeckt vorgebacken und eingefroren, aber solange es noch Sonne an einem Sonntagmorgen gibt, in der man in Ruhe und zufrieden zu einem guten Bäcker radeln kann, ist noch längst nicht alles verloren.

Eine Welle machen

Der Ausspruch „Mach doch mal hier nich sone Welle, ey!“ lag mir auf der Zunge, ist aber natürlich nicht wissenschaftlich genug und fehl am Platz.

Erst kürzlich in WRINT erwähnt, heute möglicherweise Realität: Die Gravitationswelle. Zumindest Spuren davon:

In winzigen Unregelmäßigkeiten in dieser Strahlung wollen die Bicep2-Forscher Signale sogenannter Gravitationswellen entdeckt haben. Das sind Energiewellen, die aus der schnellen Bewegung von Masse entstehen. Laut der Einstein’schen Allgemeinen Relativitätstheorie verbiegt jede Masse Raum und Zeit, weshalb bewegte Masse die Raumzeit in Vibrationen versetzt, so wie ein geworfener Stein Kräusel auf einem See erzeugt.(sz)

Könnte also Spuren von Gravitationswellen enthalten. Ob das so ist, wer weiß das schon. Und wer versteht das überhaupt?

Bei den Gravitationswellen handelt es sich um Fluktuationen im metrischen Tensor. Aufgrund der zwei Indizes handelt es sich beim Graviton um ein Spin-2-Feld. Die Gravitationsstrahlung ist in niedrigster Ordnung eine Quadrupolstrahlung.(wikipedia)

Genau, so hatte ich mir das vorgestellt. Oder: Der Urknall als Bassbox und der bummernde Bass als Gravitationswelle, die alles um sich herum in rhythmische Bewegungen versetzt. Bum bum bum. Nur viel schneller als der Schall, so schnell wie das Licht.

Kann ich das so den Kindern erklären? Werden sie sich dann so freuen wie Standford Professor Andrej Linde?

via kottke.org

Ich weiß es nicht. Vielleicht frag ich mal Joachim Bublath?

Entzaubert

Ein junger Mann stapft auf unsere Bude zu und klingelt brav, wo andere nur klopfen und später behaupten, es wäre niemand da gewesen, als man geklingelt habe. Dieser junge Mann steht also vor unserer Tür, in kurzen Shorts und ein wenig atemlos, ersteres wegen des wunderbaren Frühlingswetters, dem niemand so richtig trauen möchte, weil der Winter immer noch kommen kann (siehe 2013), letzteres weil Klingelputzen eben auch mit Bewegung verbunden ist. Ich darf das sagen, ich habe mal Quelle-Kataloge ausgeteilt, im letzten Jahrtausend.

Der junge, Klingeln putzende Mann, ist mit Zeitungen und Zeitschriften bewaffnet, auf denen irgendwas mit Werbung steht, trägt neben den Shorts an den Beinen ein paar Schweißperlen auf der Stirn und einen Ansatz von freundlichem Lächelm im Gesicht. Er spricht mich freundlich an, mit mäßig vorbereitetem Vortrag, trotzdem merkt man, dass er einen Plan hat, er will mich für sich gewinnen, für seine Sache, eine gute Sache, wie er findet.

Ab Mai trägt er die Zeitungen für uns aus und weil die Provision von 15 Cent pro ausgetragener Zeitung offensichtlich zu karg zum Überleben ist, bietet der junge, engagierte Mann auch Zeitschriften an, die er immer mittwochs vorbei bringen würde. Und damit zusätzlich 25 Cent pro Stück verdienen würde.

Für den Herrn den Spiegel, für die Dame eine Fernsehzeitschrift?

Ich bin untröstlich. Junger Mann, denke ich, sage es aber nicht, weil ich versuche höflich zu sein und ihm nicht so offensichtlich das Gefühl zu geben, dass wir einer dieser Haushalte sind, die sich kostenlos durchs Internet schnorren, während Menschen wie er sich von ehrlicher Arbeit nicht mehr ernähren können, ich denke also

Junger Mann, so läuft das bei uns nicht. Wir haben schon seit Jahren keine Zeitung mehr abonniert, eine Zeitschrift auch nicht, schon gar keine Fernsehzeitschrift, denn das, was wir lesen, suchen wir uns im Internet zusammen und das Fernsehprogramm, nun ja, ist viel zu überschaubar, als dass sich eine Zeitschrift dafür lohnen würde. Dafür gibts doch Apps. Natürlich ist das irgendwie auch Schnorren, denn statt Ihnen (und vielen anderen) direkt Geld für Ihren arbeitsmäßigen Anteil an der Wertschöpfung der unvermeidlichen Medien zukommen zu lassen, mögen wir lieber die scheinbar kostenlose Werbevariante, die uns mit Bannerwerbung und Umfragenscheiß zumüllt, soweit wir das nicht sowieso automatisch herausfiltern lassen. Natürlich, das muss ich Ihnen hier auch mal mit aller Deutlichkeit sagen, ist es aber auch nicht unser Problem, wenn Ihre Geldgeber es nicht auf die Reihe bekommen, sich ein System einfallen zu lassen, mit dem man gute Leistung auch monetär honorieren kann, und zwar ganz einfach, per Knopfdruck. Nein, ich will gar wie früher das gesamte Produkt kaufen, stattdessen wäre es mir lieber, einen guten Artikel, der sich von den anderen 100 deutlich abhebt, mit einem finanziellen Beitrag belohnen zu können. Halten Sie diese Haltung nicht auch für ewiggestrig?

Das denke ich natürlich nur und verkneife mir meine Meinung, für deren Umstände der junge Mann sowieso nichts kann. Außerdem erscheint mir für soviel Tirade viel zu nett. Also schicke ihn einfach, aber bestimmt weiter, auf seinen langen Marsch, mich selbst dafür ein wenig scheltend, später mit der Überlegung, dass dieses Dilemma irgendwie gut in Blog verwurstet werden könnte, wegen der Dramatik und so.

Ach, hätte ich ihm doch bloß angeboten, einfach freitags kurz zu klingeln, damit ich ihm seinen durch unsere Schnorrerei entstandenen wöchentlichen Verdienstausfall von 1,15 Euro persönlich erstatten kann.

Kann ich ja immer noch, ab Mai. Wenn irgendjemand hier überhaupt noch papierne Zeitungen liest und er er einen Grund hat, vorbei zu kommen.

Willst du

Stell dir dein Leben als Videospiel vor, Point-and-Click-Adventure, Monkey Island, Day of Tentacle, Zak MacKracken. Eine verpixelte Zweijährige will ein bisschen tanzen, sie sagt es niedlich, aber bestimmt, per Sprechblase. Sie hüpft auf eine improvisierte Tanzfläche zwischen Küche und Wohnbereich (Couch in Jeansoptik, grässlich), trägt dabei ein Silvesterhütchen, farblich überhaupt nicht zum Hello-Kitty-Kleidchen passend, verlangt lauthals nach Musik. Würdest du ihr „Willst du“ in der animierten Jukebox, dort rechts in der Ecke, anwählen, auf dass sie später in der S-Bahn lauthals singt und zwar „Willst du mit mir Drogen nehmen“ und alle, wirklich alle, euch schief anschauen, irgendwie?

Gestört aber geil. Und weil niemand mehr des interpretierens mächtig ist. Vermutlich.

Berlin, Prenzlau, Neubrandenburg, Stralsund, Bergen, Göhren. Irgendwo hier, an irgendeinem Ende der größten Insel des Universums verstecken sich die Kreidefelsen (abstürzend), Kap Arkona (Leuchtturmidylle) und auch wir (eher so okay), die normalen Normalos aus Berlin, also die mit einem Sack voll Kindern (Namen stehen nicht am Auto) und Hund in einer angenehm kuscheligen weil winzigen Ferienwohnung. Wir verstecken uns vor den Nachwirkungen des Jahres 2013 und zünden eine Million Kerzen an, die in 2014 alles besser werden lassen.

Versprochen.

Der Glühwein an der Strandpromenade ist schlecht, jemand hat ihn mit Kühlflüssigkeit gestreckt oder schlimmerem, es wird einem ganz flausig im Kopf, wahrscheinlich hat man ihn mit Schuss bestellt, Heizöl, Kerosin, Crystal Meth, willst du mit mir Drogen nehmen? Der Wind bläst die Flausen aus dem Kopf, aber der Song, nach dem die Zweijährige am liebsten tanzt, er geht nicht weg, immer wieder schallt es durch den Kopf „Willst du, willst du, willst du.“

Wird man ganz dusselig.

Silvester, Höhenfeuerwerk, Drink in der Bar, Neujahrsspaziergang, Rasender Roland – der Gestank verbrennender Kohle und Dampf, kennen die Kinder doch gar nicht mehr, Abgase stinken doch kaum noch so, wie damals, bei Oma in Adlershof, als das ganze Viertel an kalten Winterabenden tonnenweise Braunkohle verheizte. Brauchte man keine Drogen nehmen. Und der Schnee war grau. Heute gibt es keinen Schnee mehr und keine Kohleöfen und der Edeka ist ausverkauft. Keine Cola, nur noch Wasser, als hätten sich alle vorgenommen, in 2014 nur noch Cola zu trinken, scheiß auf die schlanke Linie und wir gehen gut Essen. Willst du mit mir Scholle essen?

Das ganz private Jahresmeme.

Bergen, Rambin, Rügendamm (Brücke), Neubrandenburg, Prenzlau, ab nach Berlin, der Nachbar hat schon wieder angebaut, my home is my castle, niemand fragt den, ob er mit einem Drogen nehmen möchte, nicht einmal nen Bier spendiert dem einer, der alte Griesgram, steht mit Hut zwischen frisch gestrichenen Balken und raucht seinen stinkigen Zigarillos, weil das billiger ist.

So sind se, die Berliner. Stinkige Zigarillos statt Drogen, doch die Zweijährige tanz immer noch und singt laut in der Bahn – „Willst du mit mir Drogen nehmen“ – und die Leute schauen dumm aus der Wäsche.

 

Das andere Leben

Mit einem Freund einen Ikea-Schrank aufgebaut, kann schnell gehen oder Stunden dauern. Man trinkt dazu Wein und philosophiert. Wie es denn wäre, müsste man nicht mehr dem täglichen Gelderwerb nachgehen, sondern könnte ganz entspannt dem Vermögen beim Wachsen zuhören. Was täte man denn dann? Jeden Tag ausschlafen? Ausgiebig frühstücken und dann Mittagsschlaf? Abends in Bars abhängen und darüber philosophieren, was man täte, müsste man immer noch dem täglichen Gelderwerb nachgehen?

Ich würde den Garten nicht so sehr vor sich her vegetieren lassen, wie bisher, glaube ich. Fühle mich inspiriert, behaupte aber immer, zu wenig Zeit zu haben, ein billige Ausrede. Fußballlehrer würde mich interessieren. Blogger, vielleicht. Ein richtiger, engagierter, nicht so vor sich hin vegetierender. Autosammler, Immobilienkenner, Weinliebhaber, Kunstexperte, Videospieltesttester, alles, nur zu nichts zwingen lassen müssen. Und doch am liebsten Vollzeitgärtner.