Das andere Leben

Mit einem Freund einen Ikea-Schrank aufgebaut, kann schnell gehen oder Stunden dauern. Man trinkt dazu Wein und philosophiert. Wie es denn wäre, müsste man nicht mehr dem täglichen Gelderwerb nachgehen, sondern könnte ganz entspannt dem Vermögen beim Wachsen zuhören. Was täte man denn dann? Jeden Tag ausschlafen? Ausgiebig frühstücken und dann Mittagsschlaf? Abends in Bars abhängen und darüber philosophieren, was man täte, müsste man immer noch dem täglichen Gelderwerb nachgehen?

Ich würde den Garten nicht so sehr vor sich her vegetieren lassen, wie bisher, glaube ich. Fühle mich inspiriert, behaupte aber immer, zu wenig Zeit zu haben, ein billige Ausrede. Fußballlehrer würde mich interessieren. Blogger, vielleicht. Ein richtiger, engagierter, nicht so vor sich hin vegetierender. Autosammler, Immobilienkenner, Weinliebhaber, Kunstexperte, Videospieltesttester, alles, nur zu nichts zwingen lassen müssen. Und doch am liebsten Vollzeitgärtner.

War was? – XI

Der physische Schmerz, der sich immer bemerkbar macht, sobald nur ein Fünkchen dämlichsten Boulevards meine Wahrnehmungssphäre betritt. Eigentlich sollten Fünkchen erhellen, diese aber verdunkeln alles, mit ihrer billigen, ekelhaften, menschenverachtenden Anmache der niederen Instinkte, die mir mit zunehmendem Alter scheinbar stetig abhanden kommen.

(Kurz RTL-Exklusiv eingeschaltet, irgendeine Reportage über einen Promi gesehen, in der ein Off-Sprecher ständig negativ spekulierte, während der bekannte Mensch diesen Quatsch genauso ständig mit seinen eigenen Aussagen ganz offensichtlich widerlegte. Ekelhaft. Fast wie Interviews von Fußballspielern direkt nach einem Spiel. Wie fühlen Sie sich nach diesem Spiel?)

((Und eigentlich ist es natürlich brutal naiv, diesen Sender einzuschalten und auch nur irgendetwas zu verlangen. Und doch fragt man sich, warum gerade dieser Sender “Dr. House” ausstrahlt und nicht irgendein anderer, weniger boulevardesker, aber vielleicht sollte man RTL dafür dankbar sein, dass die das senden und nicht Arte.))

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Menschen, denen die Akkuleistung eines Gerätes wichtiger ist, als die Funktionen, die einen das Gerät eigentlich kaufen lassen sollten.

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Infektiöse Gestört aber GeiL-O-Manie im Freundeskreis. Man sitzt zusammen, quatscht, isst und im Hintergrund streamt die Musik leise vor sich hin, ab und zu summt man mit, ab und zu zucken die Beine, als würde man tanzen wollen. Derzeit besteteste Hintergrundtanzmusik. Ob das die Künstler hören wollten, ist mir natürlich egal.

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Festgestellt, wie wenig echte Mitstreiter man so im Leben hat. Natürlich liegt das meist an mir selbst und meiner in mich zurück gezogenen Art. Wer wenig kommuniziert, wird auch selten wahrgenommen. Worüber sollten wir uns aber unterhalten, falscher Freund? Natürlich bist du nicht falsch, aber anders. Interessierst dich für Immobilien, beispielsweise. Ankauf, Verkauf, Sanierung. Das geht mir am Allerwertesten vorbei. Also sitzt man nach ner Stunde da, trinkt was und lauscht der Musik. Unbefriedigend. (Szenen keiner Ehe)

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In der Straßenbahn einem Mann gegenüber gesessen, der so dermaßen nach Zwiebel stank, dass mir die Tränen kamen.

Und sonntags? Braten.

Die Sonntagsfrage kann natürlich nur heißen: Ei oder nicht Ei? Oder, wenn das Ei dann vorschriftsmäßig geköpft, fein mit dem Salzstreuer behandelt wurde und dem Verdauungstrakt übergeben werden kann: Wer war denn nun zuerst da? Henne oder Ei? Natürlich die Henne, dann der Hahn, dann das Ei. Aufgeklärter Haushalt, an einem Morgen, an einem Sonntag..

Überhaupt: Aufklärung. Jemand zückt am Frühstückstisch ein iPad, man schaut sich das sogenannte Phantomtor von Hoffenheim noch einmal an, alle erinnern sich, dass man erst kürzlich, im Sommer, am Tatort vorbei gefahren war und nicht schlecht über den Standort der Hoffenheimer Spielstätte gestaunt hatte, wie er da so plötzlich stand, mitten in der Wallachei und nun schütteln alle bedächtig mit dem Kopf. Kann man dazu eine Meinung haben?

#Kind1 gähnt und lächelt, ein wenig abwesend, Loch im Netz? Höhöhö! Kann er nur drüber lachen. #Kind2 ist Gerechtigkeitsfantiker und will sofort eine Spielwiederholung, kann allerdings den tausendfachen Hinweisen auf gegebene Nichttore oder nichtgegebene Tore, durch verschiedenste und mannigfaltigste Fehlentscheidungen nicht standhalten und verzieht sich nach dem Frühstück an seinen Schreibtisch, um Matheaufgaben zu lösen. Wobei man sagen muss, dass das arme Kind seit Jahren schon mit mittelmäßigen Schiedsrichterleistungen zu leben gelernt hat, was vor allem daran liegt, dass in seiner Alterklasse keine ausgebildeten Schiedsrichter verfügbar scheinen und deswegen mitreisende Eltern oder Betreuer oder Co-Trainer die Spiele ihrer Kinder verpfeifen dürfen, man darf sich das bildlich vorstellen. Nun möchte ich allerdings Herrn Dr. Brych keine Mittelmäßigkeit unterstellen, weit gefehlt, mir persönlich tut er nur leid, denn niemand – bis auf seine Kollegen vielleicht – wird im geringsten nachvollziehen können, wie er sich in dieser Situation gefühlt haben wird. Und um Gefühle geht es doch auch. Im Fußball. Oder?

Mein Gefühl sagt mir: Schreiende Ungerechtigkeit! Spielwiederholung! Doch was ist dann mit dem nicht gegebenen Tor für England, Achtelfinale WM 2010? Alle haben es gesehen, es war schreiend ungerecht, aber! Und gab es nicht vor kurzem auch ein nicht gegebenes Tor für Hoffenheim, das eigentlich eins war? Und so weiter. Ich möchte gerne eine Torlinientechnologie, die solche Zweifel ausräumen kann. Ball vollständig über der Linie? Piep. Rote Lampe. Ball durch ein unwahrscheinliches Loch im Außennetz im Tor, aber nicht über die Torlinie gerollt? Nichts. Stille. Kein Tor.

Die Liebste allerdings langweilt dieses Thema. Aber sie sympathisiert auch mit Schalke. Nun ja, da kann man viel hinein interpretieren. Und #Kind3? Kennt nur Messi. Wir haben also alle eine Ahnung, aber nicht unbedingt Ahnung.

Dafür fahren wir Fahrrad. Eine kleine Gang, wie die Hells Angels auf ihren heißen Kisten, aber ohne Kutte oder so, der Herbst 2013 ist nämlich heiß. Durch herbstlich geschmückte Wäldchen, Wälder kann man in der Stadt wohl nicht erwarten, über abgeerntete Feldchen, siehe Wälder, in der Ferne den Blick auf den Fernsehturm gerichtet, geradewegs ins Hinterland, zum Obst- und Gemüsehändler nach Malchow, der uns einen Kürbis schenkt, der mitgenommen aussieht und putzig. Irgendwie. Geschenk ist Geschenk. Und wie gut es doch ist, alte Wege ab und zu einmal zu verlassen, Neues zu finden, auch eine Tankstelle, für die müden Räder, die dringend nach Luft japsten, nach diesem Sommer, in dem sie geschunden wurden wie noch nie.

Und dann? Dann kehren wir ein, in unser Heim, um den Sonntagsbraten zu braten, zu schmoren, mit Kraut anzureichern, das auch Witwe Bolte den Mund hätte wässrig werden lassen, nur die Kartoffeln fallen dieses Jahr geschmacklich etwas ab. Aber was will man da machen?

Weniger schreiben ist mehr Stille

Ich laufe durch mein Haus, den Kindle in der Hand und lese laut vor. Goethe. Nackt. Ich bin allein. Nur der Hund liegt auf dem Sofa, was er eigentlich nicht sollte, denn seine Pfoten sind sandig und das Fell hält auch nicht mehr, was es verspricht, er verpestet also das Sofa, während er darauf liegt und schläft und schon lange nichts mehr hört, denn er ist 91 Jahre alt. Und eine Hündin.

Die Nachbarin ist auch nackt und sitzt mit ihrem nackten Mann im kalten Pool, immerhin ist es schon Oktober und die Blätter der Haselnusssträucher hinter dem Haus, die weniger Sträucher, als schon vielmehr Bäume sind, haben diese wunderbare gelbe Farbe, die aus dem kleinen, auf der nach Norden ausgerichteten Rückseite des Hauses liegenden, in zartem Lila und kühlem Weiß gehaltenen Schlafzimmer eine wie von der Sonne durchflutete Kathedrale macht. Es ist natürlich kein schöner Anblick, wenn Menschen, die doppelt so alt sind wie man selbst und wahrscheinlich noch niemals in ihrem Leben beste Tage erlebt haben, die längst vergangen hätten sein können, gemeinsam nackt in einem Pool sitzen und, nun ja. Ich möchte akzeptieren können und schaue weg.

Ich lese also laut Goethe vor, Faust. Das ist absolut nicht modern und auch viel Blabla, wenn man es genau bedenkt, sich ein, zwei Mal laut vorliest und in Manier eines Reich-Ranicki kritisiert (Gott habe in selig!), natürlich ist man dann nicht Bildungsbürger, der man zu sein hat, um irgendwie auch eine Aura des Guten um sich zu versammeln, jedoch, es gibt interessantere Literatur. Und nicht alle Bildungsbürger sind automatisch gut. Ich kenne da einen. Und so weiter.

Also lade ich mir also andere Machwerke herunter, das geht ja ganz schnell, den Finger übers unzerstörbare Glas gleiten lassen, die beste kostenloseste Literatur wählen, die es für umme gibt und tippelditip, ist der Stoff da.

Aber eigentlich habe ich gar keine Zeit, Goethe doof zu finden und, sagen wir mal, Boris Beckers aufgedunsenes Gesicht irgendwie dufte, denn eigentlich bin ich einer dieser Serienjunkies, die Game of Thrones, Homeland und Hannibal gleichzeitig schauen, ich kann das nämlich (obwohl ich ein multitaskingunfähiger Mann bin), ich habe Kinder, mit denen muss ich auch etwas unternehmen (Bildungsauftrag!) und mit der Frau natürlich (Liebe, Leiden, wir wissen, wo das endet) und die Arbeit und der Garten und zum Glück ist der Hund schon alt und deswegen ohne Bedürfnisse. Und so weiter.

Da kommt man schon mal außer Puste.

Angsthasen

Der US-Geheimdienst NSA kann offenbar einen Großteil der verschlüsselten Daten im Internet mitlesen – auch zum Beispiel solche, die über SSL verschlüsselt sind.

Die Behörde habe mit Supercomputern, technischen Tricks, Gerichtsbeschlüssen und einiger Überzeugungsarbeit bei IT-Unternehmen die Mehrheit der bekannten Verschlüsselungssysteme geknackt oder umgangen […]

NSA knackt systematisch Verschlüsselung im Internet – Spiegel-Online

Paranoia. Menschen, die bei Geheimdiensten arbeiten, stelle ich mir manchmal als kleine Angsthasen vor, die alles, wirklich alles tun würden, um nicht vom Fuchs gefressen oder von Terroristen in die Luft gesprengt zu werden. Dieser Gedanke allein ist allerdings naiv, zu profan. Es steckt mehr dahinter als nur Angst, ab was genau?

Wo ist der Unterschied zwischen einem Gespräch mit dem Nachbarn auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle und einer angeregten Diskussion in einer Mailingliste? Was würden Sie dazu sagen, schliche ständig jemand um sie herum, um ein persönliches Gespräch mit dem Nachbar mitzuhören, weil es sein könne, dass Sie sich über den Bau einer Atombombe unterhalten? Ein Typ in Trenchcoat und Schlapphut, den Notizblock in der Hand und ständig Gesprächsfetzen notierend?

Ist es aber nicht genau so im Internet? Nur dass es nicht eines Menschen in Geheimdienstverkleidung bedarf, sondern schier unglaublicher Rechenleistung, um Ihre Gedanken zu notieren und auszuwerten? Das Internet ist kein virtueller Raum, es ist genauso real wie der Gehweg, den wir benutzen, um zur Straßenbahnhaltestelle zu gelangen. Und doch wird so getan, als sei das Internet gerade nicht real, „nur“ virtuell, als gelten dort andere Regeln. Und dabei wird doch so gern behauptet, das Internet sei gerade kein „rechtsfreier Raum“?

Und wo führt das am Ende hin? Was passiert mit den Aufzeichnungen? Was passiert mit Dingen, die einmal gesagt wurden und hinterher nicht mehr ins rechte Licht gerückt werden können, weil sie in irgendeinem Datenspeicher der NSA bis ans Ende aller Tage verwahrt werden und alles was Sie sagen tatsächlich gegen Sie verwendet werden kann, auch wenn Sie erst einmal unschuldig erscheinen? Möchten wir das noch Demokratie nennen? Werden die Piraten mit absoluter Mehrheit in den Bundestag einziehen, die Kanzlerin stellen und alles besser machen? Ich zweifle.