War was? – 10.11.15

Diagnosen. Ich hätte lieber im Lotto gewonnen, als eine Mykobakteriose aus dem Lostopf zu ziehen. Aber gut, man kann es sich oft nicht aussuchen.

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In meinem Kopf gibt es einen imaginären Zeitstrahl, auf dem alle meine Krankheitstage der letzten 18 Monate markiert sind. Es sind sehr viele, ein dickes Brett, wenn man so will, das erst einmal verdaut werden muss. Ich habe gelernt, dass es ziemlich ungesund ist, sehr lange krank zu sein. Man wird ängstlich. Inzwischen bin ich ein Angsthase. Situationen, Begegnungen, Diskussionen, Gefühle, alles Dinge, die ich mal mehr oder weniger gut im Griff hatte, können zu kaum zu bewältigenden Alpengipfeln mutieren. Mindestens, wenn nicht sogar Himalaja. Ein übervoller Supermarkt am verkaufsoffenen Sonntag, der nur aufgesucht werden muss, um Kleinigkeiten zu erledigen? Nein, danke. Ich muss weg. Eine Diskussion zu einem kontroversen Thema, bei dem meine Meinung in der Minderheit ist? Zittrige Hände, Schweißausbrüche, halbe Stunde auf dem Klo einschließen. Wieder versuchen, einem geregelten Büroalltag nachzugehen? Ihr findet mich in einer abgelegenen, dunklen Ecke, auf den Feierabend wartend.

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Und sie? Sie schaut mich an und muss nichts sagen, denn sie weiß genau, wie sich das anfühlt.

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Wenn Liebe und Freundschaft ein Netz bilden und man nicht ganz so tief fällt.

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Lieblingsbild:

playing with the kids

 

Leben im April

Es ist Urlaub und der Wecker klingelt. Die Matratze zu weich, der Rücken zu hart. Bist du schon wach oder schläfst du noch, hast du geträumt oder bist du wirklich wieder auf einem guten Weg? Sahst du gestern abend am stillen Meer die Sterne über euch oder war dir nur einfach schwindlig vor Angst, wieder glücklich zu sein?

Sonne lacht, kein Wind geht, das Gras auf den Dünen ruhig und gelassen, so wie du. Vielleicht. Bist wieder wer, hast dich selbst erkannt, auf einmal, zwischen Heringsdorf und Bansin, bist an den Strand, hast dem Hund das Meer erklärt, wie es wogt und wie es schmeckt, wie kalt es ist und dennoch schön, so wie das Leben. Kinder lachen, keiner ist mehr blass, ob nun vom Wind gerötet oder von der Sonne, liegst im Strandkorb und trinkst Bier, ziehst an einer Zigarette und verstehst auf einmal all die Songtexte, über die du noch vor Wochen gelacht hast.

Mit dem Auto durch die Provinz, Mecklenburg-Vorpommern, verlassenes Hinterland. Hier sind alle auf der Durchreise, niemand bleibt, vielleicht ein paar Alte, weil sie nicht mehr weg können, wohin denn auch. Aber du, du fährst nach Berlin, rast die Autobahn entlang, mitten durch die Schorfheide, die gute, alte; viele Kiefern, sandiger Boden, der Grimnitzsee, schon drin gebadet, schon rum gelaufen. Kurz hinter Bernau siehst du den Fernsehturm, bist gleich da, zu Hause, da, wo es genau so riecht, wie es immer riechen sollte.

Mitten in der Nacht, Warschauer Brücke. Sehnsucht, Trunkenheit, es ist doch wieder kalt. Bist in letzter Zeit zu oft aus Kneipen geschmissen worden, weil die dicht machten und du es warst. Lauter Fremde im dich herum, nur eins, zwei, die dich verstehen oder auch nicht, wer weiß das schon. Läufst die Straße entlang, deine Straße, die Straße, auf der du schon seit Jahren gehst, vielleicht noch ein paar Jahre gehen wirst, vielleicht für immer, vielleicht auch nicht, aus den Kopfhöhrern deine Musik der letzten Wochen, überhaupt Musik, ohne sie lägst du schon längst in irgendeiner dunklen, stinkenden Ecke oder unter der Erde, obwohl, das ist jetzt Quatsch.

Du schließt auf, öffnest leise die Tür, es riecht genau so, wie es immer riechen sollte, doch es ist still, nur die Musik aus deinen Kopfhörern dröhnt, du nimmst noch einen letzten Schluck, legst dich hin, an deinen Platz und dein Herz, dein Herz, das schlägt.

 

Kein Schmerzmittel

Ein Leben aus tausend Songs, aus guten und schlechten, hast alle gehört. Auf voller Lautstärke.

Schmerz, kommt unerwartet, trifft dich hart, wirft dich zu Boden, du möchtest schreien, heulen, kratzen, beißen, aber er geht nicht weg. Geht nicht weg.

Du brauchst keinen Wecker, bist sowieso schon wach, frierst, wie du noch nie in deinem Leben gefroren hast, stehst Zähne klappernd in der Küche, in der Dunkelheit, siehst die Sterne, hörst Hunde bellen, weißt nicht, was du machen sollst, weg gehen, hier bleiben, irgendwas tun, Hauptsache bewegen, nicht stehen bleiben. In dieser Einsamkeit.

Einsamkeit. Einsam, obwohl die Bude voll ist. Du bist nicht allein, bist allein, allein mit dir, den Gedanken, die du dir nicht machst, die du dir machst, in einem Leben voller Unentschieden, voller Liebe, Liebe, Liebe, welche Liebe?

Fällst in ein schwarzes Loch, das immer tiefer wird, fällst immer schneller, rauschst vorbei an deinen Fehlern, all den Dingen, die du nicht mehr aus der Welt schaffen kannst oder nicht willst oder nicht musst oder. Oder. Du fällst und siehst niemanden, der dich fängt, niemanden, der dich hält, dich wärmt, der sagt: Es wird alles wieder gut.

Stehst in der Sonne und frierst, hörst nicht die Vögel, siehst nicht den Frühling, hörst Songs aus deinem Leben, die dir die Seele verbrennen, wirst wieder hart getroffen, vom Schmerz, der wie ein ICE durch deinen Körper rauscht und dich verbiegt.

Und ein Schmerzmittel kennst du nicht.